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Gedankensplitter

Von goldenen Klbern und anderen Vergngungen

Es ist Sommer. Schon im Vorhinein war von Wissenschaftlern zu hren, dass man sich jetzt als Gesellschaft ein wenig mehr leisten knne – an Freiheiten, an Kontakten, Geselligkeit und Freizeitgestaltung; mithin damit einhergehend ein weniger an Hygiene, Abstandhalten, Masketragen. Man knne sich mehr leisten, weil die Disziplin der Bevlkerung die Neuinfektionen soweit eingedmmt habe, das gesellschaftliche Leben im Sommer ja auch deutlich mehr im Feiern stattfinde, der Virus sich augenscheinlich ohnehin im Kalten wohler fhle und somit das Risiko fr den Einzelnen wie fr die Gesellschaft beherrschbar sei. Man knne sich mehr leisten, wissend darum, dass es im Herbst und Witter ohnehin ganz anderes aussehen werde. Der Sommer und die mit ihm einhergehende Lebensfreunde also als Zwischenstopp, als Rekreation, als Krftesammeln vor dem zu erwartenden Anstieg mit seinen Mhen und Frustrationen.

Gehofft hatte man sicher auch, der Sommer knne eine Konsolidierungsphase sein. Die erreichten Erfolge knne man sichern, mentale und physische Reserven auffrischen, um dann den Gipfel anzugehen.

 

Gekommen ist es anders. Schon seit Ende Juli steigen die Zahlen wieder – in Europa. Und in anderen Weltregionen jagt eine Horrormeldung die nchste. Selbst in Lndern, in denen man den Virus von Anfang an oder ab einem bestimmten Zeitpunkt im Griff zu haben glaubte, luten die Alarmglocken.

Es irritiert mich von daher, wenn zwar der Ruf nach weiteren Lockerungen zunehmend verhaltener klingt, man auch hrt, ein weiterer Lockdown sei weit schlimmer als die Beibehaltung der bestehenden Regeln, Phantomspiele der Fuballbundesliga auch fr die nchste Zeit hingenommen werden, wahrnehmbare Teile der Gesellschaft aber auf die Strae gehen oder anders ihrem Protest Ausdruck verleihen.

 

Ja, es ist wahr. Corona hat viel verndert. Und man muss das nicht gut finden. Die Pandemie zu leugnen oder Verschwrer in groem Stile am Werk zu sehen, sich mit anderen zusammenzutun und sowieso alles schlimm zu finden, was die „Regierenden“ so treiben, aber macht mich sprachlos. Sprachlos, weil ich mich anderen Meinungen und Sichtweisen nicht einfach kleinlaut anschliee, mich selbst aber doch bemhe, sie zu verstehen; ich hier aber offensichtlich an meine Grenzen stoe. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu verweigern, ndert am Sachverhalt gar nichts. Oder doch? – Verweigerung gibt dem Virus nur noch mehr Macht ber Gesundheit und Gesellschaft.

 

Wenn schlielich die Kritik auch gegen Kirche erhoben wird, in der Krise zu leise (gewesen) zu sein, dann kann ich dem zustimmen. Aber nur in der Weise, dass ich mir selbst mehr Deutung und geistliche Begleitung gewnscht htte. Nicht aber, wenn das meint, den Verleugnern argumentativ beizuspringen, mit Verweis auf Grundrechte in Kirche „wirklichkeitsfreie Zonen“ zu fordern und einzurichten. Auch nicht, wenn pauschale Kritik an diakonischem Engagement geuert wird. Im Detail mgen Anfragen berechtigt sein, im Allgemeinen aber eher nicht. Engagement kann eben nicht heien, den Virus zu ignorieren. Abstandsregeln, Kontakteinschrnkung haben ja Grnde. Und vorsichtiger zu agieren, muss darum nicht Wegducken bedeuten, es kann auch mit Verantwortungsgefhl, Achtsamkeit und Frsorge zu tun haben.

Ich frage mich, ob hinter solcher Kritik/ hinter solchem Protest nicht der Wunsch steht, wieder zur ehemaligen Normalitt zu gelangen. Diese sehe ich selbst aber nicht mehr als reales Ziel. Ganz in dieser Logik sinne ich weiter, ob die zu beobachtende Nachlssigkeit in Fragen des Infektionsschutzes nicht aus derselben Quelle gespeist wird. Wenn dem so wre, wre die Zahl der Unzufriedenen weit hher als bisher erkennbar.

 

Aber mal ganz ehrlich. Solches Verhalten erinnert mich an Kinder, die vor der Kasse auf dem Boden liegen, um die Geschftsgrundlage doch noch einseitig verndern zu wollen. „Ich will aber …“ funktioniert nur, wenn der Klgere nachgibt. Das sollte der aber nur, wenn ein Kompromiss vertretbar ist. An der Supermarktkasse kann man womglich einknicken, dem Kind diese oder jene zustzliche Anschaffung zugestehen, nicht aber beim unumgnglichen Gang zum Arzt.

Regression nennt man es auch, Zurckfallen in kindliche Verhaltensmuster. Was mir nicht gefllt, was ich nicht will, wovor ich Angst habe, leugne ich einfach oder deute es um. Die Zahnschmerzen sind nicht mehr Zahnschmerzen und der Arzt nicht mehr mgliche Hilfe, sondern selbst Gefahrenquelle. Und darum sind Papa und Mama auch bse, weil die wollen, dass ich dahin muss. Statt dem Problem in die Augen zu schauen und nach mglichen Lsungen zu suchen, steckt man den Kopf unter die Decke und die Wirklichkeit ringsum existiert nicht mehr. Angst lst keine Probleme.

Wer so gestrickt ist, braucht eine Autoritt, die sagt, wo es lang geht. Wer so gestrickt ist, wird sich aber auch Entscheidungen eben jener Autoritt widersetzten, mindestens aber gegen sie opponieren, wenn mglich auch, sie zu unterlaufen suchen.

Das erinnert mich an die Wstenwanderung des Volkes Israel. Dem Pharao und seiner Streitmacht ist man entkommen. Jetzt am Sinai scheint sich die Lage zu konsolidieren. Das Volk atmet auf, das Zusammenleben wird geordnet, die nchste Etappe in den Blick genommen – denn am Ziel ist man noch lngst nicht. Da steigt Mose auf den Berg, um sich mit Gott zu beraten, um Weisung zu empfangen. „Nachdem der Herr zu Mose auf dem Berg Sinai alles gesagt hatte, bergab er ihm die beiden Tafeln der Bundesurkunde, steinerne Tafeln, auf die der Finger Gottes geschrieben hatte.“ (Ex 31,18)

Ende gut – alles gut. Weit gefehlt. Wohl eher: Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Muse auf dem Tisch: „Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Gtter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus gypten heraufgebracht hat - wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Shnen und Tchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her! Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron. Er nahm sie von ihnen entgegen, zeichnete mit einem Griffel eine Skizze und goss danach ein Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Gtter, Israel, die dich aus gypten heraufgefhrt haben. Als Aaron das sah, baute er vor dem Kalb einen Altar und rief aus: Morgen ist ein Fest zur Ehre des Herrn. Am folgenden Morgen standen sie zeitig auf, brachten Brandopfer dar und fhrten Tiere fr das Heilsopfer herbei. Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken und stand auf, um sich zu vergngen.“ (Ex 32,1-6)

Man kann die Begebenheit religionsgeschichtlich einordnen als Ausdruck des bergangs vom Polytheismus zum Monotheismus, von den Vielen zu dem Einen; auch liee sich sozialpsychologisch deuten, welchem Druck eine kleine Volksgruppe inmitten eines ihr fremden kulturellen Umfeldes ausgesetzt ist. Die Spannung zwischen Selbststand und Anpassung ist nicht leicht zu meistern. Fr unseren Zusammenhang finde ich es hilfreicher, entwicklungspsychologisch zu denken: Da ist Moses, ihr Anfhrer, als Ordnungsfaktor mal gerade nicht greifbar, machen die „Halbstarken“ kurzerhand Party. Seriser formuliert: Dieses Volk ist noch nicht erwachsen, bt sich aber im Abgrenzen und Erwachsen werden; scheitert indes, weil es den Affekten den Vorzug gibt und nicht Verstand und Einsicht, Triebsteuerung und Selbstdisziplin.

Ganz diesem Bild folgend stellt sich Moses vor seine Schutzbefohlenen, als der Zorn Gottes gegen dieses „strrische Volk“ entbrennt. Dann aber wieder „Zuhause“ kommt es zu Gardinenpredigt und Zchtigung. Aaron seinerseits redet sich raus. Das ndert aber nichts dran. Bevor Vergebung und Neuanfang nach berkommendem Erziehungsstil mglich werden, kommt es zur Bestrafung. Dreitausend fallen dem zum Opfer. Nun muss niemand in dieser legendren Begebenheit eine Empfehlung fr einen autoritren Erziehungsstil erblicken, leichter und nachvollziehbarer wre es, darin eine literarische Verarbeitung des Umstands zu erblicken, dass jegliches Verhalten Wirkungen, Auswirkungen, Folgen hat. Was geschehen ist, ist nicht ungeschehen zu machen. Mit den Folgen gilt es zu leben.

 

Je mehr ich darber nachdenke, kommt mir der Gedanke, ob die Corona-Krise nicht jeden Einzelnen/ jede Einzelne wie auch ganze Gesellschaften zu einem Entwicklungsschritt zwingt. Nach einem eher autoritren „Papa und Mama wissen, wo es lang geht, was dran ist, was richtig und gut ist.“ und meiner eher affektgesteuerten kindlichen Reaktion darauf und nach meiner darauffolgenden Adoleszenz, in der ich mich meiner selbst bewusst wurde, sich mir weitere Rechte und Mglichkeiten erffneten, ich mich aber auch an meinen neuen Pflichten und Zwngen abarbeiteten musste, ist jetzt womglich der nchste Schritt angezeigt, der in die Reife, ins Erwachsensein.

Warum ich das meine? Der auf die Strae getragene Protest firmiert oft genug unter dem Slogan: Ich will meine Freiheit wiederhaben. Und gemeint ist wohl: Ich kann machen, was ich will. Niemand darf mich daran hindern. Ich finde das pubertr, nicht erwachsen. Als wenn unser Leben so funktioniert?! Natrlich kann ich nicht machen, was ich will. Und in jedem Fall muss ich mit den Folgen meines Handels leben. Zum Erwachsensein gehrt auch, Verantwortung zu bernehmen – fr mich selbst und fr andere.

Und weil dem so ist, darf ich auch erwarten, dass andere mein Recht auf Unversehrtheit und Gesundheit respektieren. Und weil dem nicht immer so ist, darf ich auch erwarten, dass sich die Gemeinschaft, die Gesellschaft, der Staat schtzend vor mich stellt. Die klassische Antwort ist dann das Ordnungsrecht. Durch Gesetz und Verordnung bestimmen Legislative und Exekutive, welches Verhalten erlaubt, geduldet, missbilligt ist. Und um dem Nachdruck zu verleihen, flankiert man es mit Strafandrohungen.

Geht es wirklich nur mit Strafe? 150,- € fr Maskenverweigerung? - Oder darf man nicht auch vom mndigen Brger erwachsenes Verhalten erwarten? Das kann aber niemand verordnen. Dazu kann man sich selbst nur ermchtigen – eben durch erwachsenes, also vernunftgesteuertes Verhalten.

Die biblische Erzhlung, die ja nicht zunchst Bericht ber historische Begebenheiten ist, sondern weit mehr Deutung des Wahrgenommenen, kommt zu dem Schluss: Der Exodus, die Wstenwanderung, die Reifung ist noch nicht am Ziel. Es braucht noch Jahre und Jahrzehnte, bis man bereit, reif ist, das „Gelobte Land“ zu betreten. – Schade eigentlich.

Geht es auch heute nicht ohne „Extrarunden“, „Nachsitzen“, Versuch und Irrtum, Versagen und Strafe? – Schade wre es.

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

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Pfarrer Gerhard Pieper