Caritas / Soziales

Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten“ (Lev 19,34a)

Ein Erfahrungsbericht von Pfarrer Andreas Wilke

Auf dem Hauptbahnhof Regensburg, Gleis 5, zeigt die Bahnhofsuhr 16.43 Uhr. Dabei sollte der ICE 90 von Wien nach Hamburg Hauptbahnhof eigentlich schon um 16.29 Uhr abgefahren sein. Die Ansage informierte darüber, dass wegen „zollpolizeilicher Ermittlungen“ der ICE etwa eine halbe Stunde später in den Hauptbahnhof einfahren würde. Das war nicht so schlimm, da in Kassel-Wilhelmshöhe genug Zeit zum Umsteigen zur Verfügung stand und die Sitzplatzreservierung mit Waggon- und Sitzplatznummer im Kopf gut abgespeichert war.

Beim Einstieg in den Zug war der Grund für die Verspätung klar: Der ICE war rappelvoll! Rappelvoll mit Menschen mit dunklen, traurigen Augen, unzähligen Plastiktüten, allen Altersgruppen, Familien, Alleinreisenden, Jungen, Alten – alle aus Syrien, wie sich dann herausstellte. Aus den Zuggesprächen (von „Gesprächen“ kann eigentlich nicht die Rede sein, es fehlte beiderseits an den erforderlichen Sprachkenntnissen) ergab sich, dass die meisten gar nicht wussten, wohin sie unterwegs waren. Sie waren auf sich allein gestellt und mussten irgendwie nach Hamburg kommen: Und dann??

 

Irgendwie hat es am Ende recht gut funktioniert: Vor ziemlich genau zwei Jahren geschah dies, als über eine Million Menschen, landläufig „Flüchtlinge“ genannt, hier bei uns Zuflucht, Ruhe und Frieden suchten nach den teilweise atemberaubenden, abenteuerlichen, lebensgefährlichen Fluchten aus ihren Herkunftsländern, besonders aus Syrien. Sie haben Zuflucht, Ruhe und Frieden vielerorts gefunden, auch bei uns in Warburg! Herzlich willkommen waren sie uns – und die Hilfsangebote waren überwältigend großartig. Ich erinnere mich gut an die Treffen in Ossendorf, Bonenburg, im Haus Maria, in Warburg, bei denen informiert wurde (zum Beispiel über die Schließung einiger Turnhallen zur Einrichtung von Notunterkünften), organisiert wurde (zum Beispiel welche Lebensmittel und Getränke das Begrüßungskomitee bei Anfahrt eines Busses den neuen Bewohnern überreicht) und geplant wurde (zum Beispiel welche Sprachkurse angeboten werden könnten) und noch vieles mehr. Das meiste war provisorisch, was ja angesichts der großen Herausforderungen allein in Bezug auf die hohen Zahlen nur natürlich war. Manches wurde aus dem Boden gestampft, was sich im Nachhinein als unsinnig und vorschnell getan herausstellte – aber das war doch nicht schlimm, schließlich fehlten die Erfahrungen. Insgesamt bin ich froh, dabei gewesen zu sein: Die vielen ehrenamtlich Tätigen, die sich mit ihren „Patenkindern“ auf den Weg durch die Ämter machten, Sprache zu vermitteln versuchten und das alles ja auch gar nicht so schlecht machten! So wurden aus Ehrenamtlichen vielfach echte Profis, die sich heute besser in Rechtsfragen und im Umgang mit den Ämtern auskennen als die Hauptamtlichen! Inzwischen sind viele Flüchtlinge aus Syrien, aus Eritrea und vielen anderen Ländern des Nahen und Fernen Ostens und Afrikas hier angekommen, sind als Flüchtlinge anerkannt oder genießen doch zumindest subsidiären Schutz. Die meisten haben einen Integrationskurs absolviert und suchen eine Arbeit, haben sie vielleicht schon gefunden. Einige erweitern ihre Kenntnisse der deutschen Sprache noch in weiteren Kursen und qualifizieren sich so für den Arbeitsmarkt. Viele sind auf der Suche nach einer Wohnung, heraus aus den Not-Unterkünften der Stadt (die Problematik ist hinlänglich bekannt).

 

 

Zwei Beispiele möchte ich herausgreifen, die exemplarisch für viele stehen können:

 

Da ist zum einen Mehmet (Name geändert!), ledig, 24 Jahre alt, Kurde aus Syrien. Mehmet ist seit zwei Jahren in Deutschland und hat eine erste Unterbringung in der Unterkunft bei Dössel gefunden. Dort hat er sich mit drei weiteren Syrern ein Zimmer geteilt. Mehmet war auf dem Land groß geworden und hatte nach sechs Jahren Schule bei einem Verwandten auf dem Feld gearbeitet. Dann ist er vor der syrischen Armee geflohen, die ihn als Soldaten haben wollte. Über die Türkei, das Mittelmeer und weiter über die Balkanroute wurde er in Süddeutschland aufgegriffen und stellte einen Antrag auf Asyl. In Warburg angekommen, hat er die lateinische Schrift gelernt (wurde also „alphabetisiert“), kann inzwischen sehr gut schreiben, wenn die Grammatik auch noch etwas zu wünschen übrig lässt. Nach eineinhalb Jahren hat er seine Anerkennung als Flüchtling erhalten (das Warten war sehr schlimm für ihn, denn ohne die Anerkennung gibt es kein Weiterkommen!) und hat inzwischen eine kleine Wohnung gefunden; er fühlt sich sehr wohl, manchmal allerdings fühlt er sich sehr allein: in Syrien hat man immer Besuch und lebt mit mehreren Generationen und der ganzen Familien unter einem Dach. Mehmet hat schon zwei Praktika in einer Autowerkstatt gemacht und ist in das dortige Team sehr gut integriert. Er hat schon viel gelernt und freut sich, wenn er arbeiten kann. Jetzt hofft er, dort im August eine Vorbereitung auf die Ausbildung beginnen zu können, die sich dann vielleicht 2018 anschließt. Hoffen wir das Beste!

 

Zum anderen ist da Mohammed (Name ebenfalls geändert!), verheiratet, 34 Jahre alt, ebenfalls kurdischer Syrer.

Mohammed hat sein Bachelor-Studium in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Aleppo vor Jahren beendet und ist dann auf der Flucht vor einer kurdischen Untergrundorganisation in die Türkei geflohen, um dort zunächst als Buchhalter in einem Unternehmen für Trockenbau zu arbeiten. Von dort ist er über das Mittelmeer und die Balkanroute nach Deutschland weiter geflüchtet und am Niederrhein aufgegriffen worden. Sein damals sichergestelltes Handy hat er in diesen Tagen zurückbekommen; es war am Ende ohne Befund von der Staatsanwaltschaft und den Sicherheitsbehörden beschlagnahmt und untersucht worden. Darüber freut er sich, sind doch auf dem Speicherchip zahlreiche Fotos aus seiner syrischen Heimat abgespeichert. Mohammed wohnt seit zwei Jahren in einer zentralen Flüchtlingsunterkunft der Stadt Warburg und sehnt sich nach den eigenen vier Wänden – bislang ohne Erfolg. Seit Ende letzten Jahres ist er als Flüchtling anerkannt und ist als solcher auch berechtigt, seine Frau auf legalem Wege nachkommen zu lassen. Das gestaltet sich allerdings schwierig, da sie bei ihren Eltern in Syrien lebt und als Frau nicht allein ausreisen kann. Immerhin hat sie einen Termin bei einer deutschen Botschaft in der Türkei – nur der Weg dorthin ist ihr unter den momentanen Bedingungen verschlossen. Mohammed hat den Integrationskurs abgeschlossen und außerdem einen qualifizierenden weiteren Deutschkurs besucht; jetzt ist er schon auf gutem Wege zum muttersprachlichen Deutsch-Niveau, zumindest was das Verständnis der deutschen Sprache angeht. Zurzeit ist er auf der bislang vergeblichen Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einem dem Studium entsprechenden Arbeitsplatz. Da vor allem Vergeblichkeit wie ein roter Faden durch das Leben von Mohammed hier in Deutschland läuft, wird seine Stimmung im Hinblick auf seine Zukunft immer düsterer.

 

 

Zwei Beispiele für viele – und natürlich gibt es noch unzählige andere Schicksale: sie alle sind geprägt von Hoffnungen und Wünschen, Erfüllungen und Enttäuschungen.

 

„Manche zweifeln, ob unser Land die vor uns liegenden Aufgaben meistern kann. Sie sind besorgt angesichts der sozialen Probleme, die auf uns zukommen. Auch fürchten nicht wenige um die kulturelle Prägung Deutschlands angesichts der großen Zahl von Zuwandernden, die einer anderen Religion und Kultur angehören. Aber wie steht es um die Wertegrundlagen unserer christliche geformten Zivilisation, wenn wir Hartherzigkeit an die Stelle von Erbarmen setzen und Abschottung an die Stelle von Gastfreundschaft, wie steht es um unsere christliche Identität, wenn wir Menschen an den Außengrenzen der Europäischen Union ertrinken lassen? Politische und wirtschaftliche Überlegungen haben ihre Bedeutung. Aber sie dürfen uns nicht davon abhalten, dem Gebot der Nächstenliebe zu folgen.“ So heißt es in einem Wort der deutschen Bischöfe vom 24.09.2015.

Es macht mich traurig, wenn Flüchtlinge hier kein Ankommen schaffen, weil sie nicht bereit sind, sich auf die Verhältnisse hier einzulassen. Ja, es mangelt einigen aus unserer Sicht einfach an Engagement – das hat aber viele Gründe, und es steht uns kaum zu, den Stab über sie zu brechen.

Es macht mich betroffen und berührt und beschämt mich, wenn ein älterer Mann, offenbar Rentner mit ausreichend Zeit und Geld, sich lautstark an der Kasse eines Warburger Supermarkts „Hitler-Deutschland“ zurückwünscht, weil es „das da nicht gegeben hätte“ – es war nicht klar, worum es bei diesem Ausbruch ging; es stand lediglich ein geflüchteter Mensch hinter ihm, und der hatte ihm nichts getan!

 

Was nun gebraucht wird sind Menschen, die sich der Menschen annehmen, die hier eine Heimat finden wollen. Die sie dabei begleiten, sich um sie kümmern. Erfahrungsgemäß kann das zwei Stunden in der Woche oder auch zwei Stunden am Tag in Anspruch nehmen – da muss jede und jeder selbst die Grenzen aufzeigen und finden. Einzig persönliche Kontakte und zwischenmenschliche Beziehungen können Hartherzigkeit und Vergeblichkeit aufbrechen oder wenigstens teilen; nur so kann Integration letztlich erfolgreich geschehen und eine Gettobildung ausgeschlossen werden.

Die Hilfsbereitschaft am Anfang vor zwei Jahren war groß, überwältigend groß und wirklich großartig! Die Not haben wir seinerzeit gut aufgefangen und gelindert, teilweise inzwischen sogar beheben können. Neben der Arbeit, die in den Herkunftsländern zu leisten ist, müssen die Geflüchteten jetzt in ihrem alltäglichen Leben und Weiterkommen unterstützt werden. Das bringt manche Frustration und Vergeblichkeit mit sich. Und doch lohnt es sich – wenn Menschen Menschen helfen! Was die Städte und Gemeinden zu tun nicht in der Lage oder bereit sind, haben Ehrenamtliche bis heute vielfach leisten können. Auch in unserer Stadt sind so Initiativen entstanden und Hilfsangebote gestartet worden, die Menschen geholfen haben. Im Blick auf den Einzelnen muss das noch einmal verstärkt weiter geschehen!

 

Wenn Sie Interesse haben, wenden Sie sich einfach an mich oder an eine bzw. einen der Ehrenamtlichen in den Einrichtungen. Sie erreichen mich: 05642 / 987067 oder awilke1@t-online.de oder über das Pfarramt, das Sie an mich vermitteln kann.