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Gedankensplitter

Ringen, aushalten, Verstehen wollen

„Lasst mich doch sterben.“ Eine Frau teilt dieses flehende Wort ihres kranken, dann sterbenden Ehemannes mit mir. Lasst mich doch Sterben. Das Leid nimmt immer noch zu, die Last ist schon jetzt zu gro. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr; Lichtblicke nicht in Sicht. Krankheit und Leid sind ihm nichts Neues. ber viele Jahre hinweg gaben sie sich die Klinke in die Hand, wie man so sagt. Zuletzt Covid-19 oben drauf – trotz aller Vorsicht; Infektion, Erkrankung, Quarantne, Infektion und Erkrankung weiterer im Umfeld, Suche nach freiem Klinikbett. Lasst mich doch sterben. Ich wei, dass erfahrendes Leid allein schon herausfordernd genug ist, mag mir darum gar nicht vorstellen wie es ist, wenn man sieht oder zu sehen meint, dass das Leid von einem selbst ausgehend weitere Kreise zieht, die Liebsten mit einbezieht, himmelschreiend wird. Aber solches geschieht.

Ich denke an Jesus im nchtlichen Garten, sein flehentliches Beten, und kurz drauf sein Aufschrei „Mein Gott, mein Gott, warum/wozu hast du mich verlassen?“ (Mt 24,46b || Mk 15,34b) Wer darauf vorschnell zu antworten sucht, bernimmt sich. Selbst Gott schweigt dazu, drei Tage lang. Weit davon entfernt Simeons Worte: „Nun lsst du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Vlkern bereitet hast.“ (Lk 2,29-31) Es gibt Situationen und Zeiten, da ist nichts licht oder heil, sondern alles einfach nur finster, trostlos, gottverlassen.

Hiob kommt mir in den Sinn, fromm und gottesfrchtig, untadelig und rechtschaffen – und darum auch auf der Sonnenseite des Lebens. Oder doch umgekehrt: Fromm und gottesfrchtig – weil auf der Sonnenseite des Lebens? Die Bibel stellt sich diese Frage und legt sie beim Treffen der „Gottesshne“ dem Satan, einem von ihnen, in den Mund. Was folgt, verschlgt einem die Sprache. Zur Probe aufs Exempel – oder sollte man sagen: in zynischem Spiel? – raubt man dem Hiob zuerst den Wohlstand, dann die Kinder, schlielich die Gesundheit. Wie lange hlt er durch? Behlt Gott recht oder doch der Satan? Und natrlich: Gott gewinnt. Hiob bleibt treu. Und zum Lohn – oder sollte man es nennen: als Wiedergutmachung? – erhlt Hiob seine Gesundheit zurck, ein langes Leben verheien, das Doppelte seines frheren Besitzes und zehn weitere Kinder.

Eingewoben in dieses Spiel – es Erzhlung zu nennen, fllt mir schwer – finden sich lange Reden, die Klage des Hiob, Einreden seiner Freunde und Erwiderungen seinerseits. Gute Freunde mssen es sein, denn bevor sie selbst das Wort ergreifen, sitzen sie sieben Tage und sieben Nchte bei ihm auf dem Boden, schweigen und halten seinen Schmerz aus. Er verflucht den Tag seiner Geburt: „Ausgelscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Knabe ist empfangen. Jener Tag werde Finsternis, nie frage Gott von oben nach ihm, nicht leuchte ber ihm des Tages Licht. … Denn sie hat die Pforten an meiner Mutter Leib nicht verschlossen, nicht das Leid verborgen vor meinen Augen. Warum starb ich nicht vom Mutterscho weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich? Weshalb nur kamen Knie mir entgegen, wozu Brste, dass ich daran trank? Still lge ich jetzt und knnte rasten, entschlafen wre ich und htte Ruhe.“ (Hiob 3,3-4.10-13) Abgrundtiefer geht es nicht. Ihm gut zuredend, Gott zu verteidigen suchend, schlielich ihm selbst, dem Opfer, die Schuld zuweisend ergreifen sie das Wort. „Ja, selig der Mensch, den Gott zurechtweist. Die Zucht des Allmchtigen verschmhe nicht! Denn er verwundet und er verbindet, er schlgt, doch seine Hnde heilen auch.“ (Hiob 5,17f.) In den Ohren des Leidenden sind das Phrasen. Frmlich angestachelt steigert Hiob sein Leid ins Allgemeine: „Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelhners?“ (Hiob 7,1) Die Argumentationsebene wird gewechselt. „Wie lange noch willst du derlei reden? Nur heftiger Wind sind die Worte deines Mundes. Beugt etwa Gott das Recht oder beugt der Allmchtige die Gerechtigkeit? (Hiob 8,2f.) Darauf Hiob: „Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht schuldig, lass mich wissen, warum du mich befehdest! Was hast du davon, dass du Gewalt verbst, dass du die Mhsal deiner Hnde verwirfst, doch ber dem Plan der Frevler aufstrahlst?“ (Hiob 10,2f.) Rede und Gegenreden wogen hin und her. Solche Freunde braucht man nicht – mchte man denken.

Aus einem Wettersturm heraus ergreift Gott selbst das Wort. Die Menschen jener Zeit knnen sich gttliche Selbstmitteilung nur in groen Zeichen denken, verwunderlich wre es fr mich indes nicht, dass nun auch Gott selbst in Wallung ist, sich selbst herausgefordert sieht. Er betont seine Macht und die Herrlichkeit seiner Werke. Dann: „Auf, grte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, du belehre mich! Willst du wirklich mein Recht brechen, mich schuldig sprechen, damit du Recht behltst? Hast du denn einen Arm wie Gott, drhnst du wie er mit Donnerstimme?“ (Hiob 40,7-9) Hiob wird kleinlaut. Wen wunderts.

Mich befriedigt das nicht. Nicht das „Spielchen“, nicht die Argumentationsketten der „Freunde“, nicht wie martialisch Gott in Szene gesetzt wird; wohl aber, dass er Hiobs Unschuld anerkennt. Und dann auch, dass er deutlich macht, dass er der Schpfer von allem ist und darum Gut und Bse ausschlielich in seinen Hnden liegen. Was natrlich neue Fragen und Probleme aufwirft. Eines nur ist klar: Allein vom „lieben Gott“ zu sprechen, ist gefhrlich. Gott ist auch unbegreiflich, sicher auch dunkel – und gleiend hell, dann auch nah – und im nchsten Augenblick geheimnisvoll weit weg. Wichtiger noch: Gott wird frag-wrdig. Wir drfen nach IHM fragen, mssen es auch; IHN anfragen, hinterfragen, die Bilder, die wir uns von IHM machen, von seinem eigenen Wesen zu trennen suchen. Wir drfen und mssen auch Klagen, wenn wir was nicht verstehen, ohne seine Hilfe nicht weiterkommen. Fragen, Klagen bedeutet auch, in Beziehung mit IHM zu sein, mit IHM zu rechnen, was von IHM zu erhoffen, zu erwarten, IHM zuzutrauen. Und das zumal, wenn es um wesentliches geht, um Menschen, die uns wichtig sind.

Wer jetzt erst einmal gut durchatmen muss, tun recht daran.

 

Mir tun die Freunde Hiobs ein wenig leid. Sie haben es ja gut gemeint, sich auch sieben Tage zurckgenommen, haben es aber nicht aushalten knnen, dass Fragen nicht immer Antworten finden, Antworten nicht befriedigen. Ich denke, Kirche knnte da auch noch besser werden: weniger Antworten geben – mehr Fragen zulassen, weniger glanzvoll auftreten – mehr eigene Ohnmacht eingestehen, sich selbst in Frage stellen, Fragen an Gott richten, von IHM Antwort erwarten; mehr schweigen, still und kleinlaut werden.

Ich denke hnliches auch auf unsere Gesellschaft schauend. Da werden mir zu schnell Antworten gegeben, Versprechungen gemacht, Forderungen erhoben. Da sind wir zu hufig bei der eigenen Nabelschau und nicht immer beim Blick auf des Wohl des Nchsten. Und so sehr die Fragen zu Impfstoff, -mengen und -strategie berechtigt sind, werden mir die Betroffenen zu leichtfertig verzweckt, um selbst Aufmerksamkeit zu erheischen. Jedes Leid, jede Betroffenheit ist einmalig und nicht vergleichbar. Alte in die eine Waagschale zu legen und Junge in die andere, fhrt zu nichts; Wirtschaft und Dienstleister mit Kultur und Bildung auszutarieren, gelingt nicht. Das als Dilemma auszuhalten, verlangt uns viel ab. Wir merken es gerade.

Ich denke auch an jene, die um das nackte Leben kmpfen, rzte und Pflegepersonal, die lngst schon am Anschlag sind und noch darber hinaus; an Beatmete, im Koma Befindliche oder sonst wie kmpfend; und nicht zu vergessen all jene, die Impfstoffe womglich niemals erreichen werden, die sterben werden ohne jemals eine Diagnose erhalten zu haben. Das ist himmelschreiend. Die Welt ist grer als der eigene Kulturkreis.

Lasst mich doch sterben. Ich bin damit noch nicht durch. Auch hier wird ein Dilemma greifbar. Gerne wsste man seine Lieben erlst, wrde gerne als Arzt/rztin hilfreich sein; wie schwer, gar unmglich indes, aufzugeben, wer einem wirklich wichtig ist, zu handeln gegen Eid oder Berufsethos. Auch hier gibt es keine einfachen Antworten, auch hier viel Grund zur Klage.

Oder knnte es sein, dass es wesentlich darum geht: sich nicht mit einfachen, schnellen Antworten zufriedengeben, ringen mit sich, miteinander, mit Gott, – darf ich es wagen? – es IHM nicht zu leicht zu machen? Einen Gott, der sich irgendwie aus der Affre zieht, freikauft, fr nicht zustndig erklrt, will ich nicht. Einem Gott, den irgendwer als Joker aus dem rmel zieht, glaub ich nicht. Leben und Glauben sind nichts fr Spieler. Oder wenn schon: Sie verlangen vollen Einsatz, weniger geht nicht. Vollen Einsatz – als Glaubende, Hoffende, Suchende, Klagende. Vollen Einsatz – als Gesellschaft, als Kirche, als Staatengemeinschaft.

 

Ich merke, das macht mir auch Angst. Weniger Einsatz, mehr in der Hinterhand wre mir lieber. Das macht mir Angst, weil ich nicht wei, wie gut meine Karten sind, wie viel ich mir selbst zutrauen kann, wie viel Zutrauen ich IHM entgegenzubringen vermag. Das macht mir Angst, weil ich nicht wei, nach welchen Regeln die Karten gelegt werden und ob nicht irgendwer am Ende falschspielt.

 

Ich stocke noch einmal. Unmittelbar bevor das Buch Hiob zur Rahmenerzhlung zurckkehrt und das „Spiel“ auflst, tritt mir Hiobs Schlusswort – wenn sie so wollen – vor Augen. Die Herausgeber der Lutherbibel berschreiben es 1984 wie 2017 mit „Hiobs letzte Antwort an den Herrn.“ Bei der Einheitsbersetzung ist Bewegung im Spiel. 1980 titelt die mit „Ijobs Umkehr und Unterwerfung“, 2016 dann mit „Ijobs Erkenntnis“. Letztere Deutung gefllt mir. „Da antwortete Ijob dem HERRN und sprach: Ich habe erkannt, dass du alles vermagst. Kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? - Frwahr, ich habe geredet, ohne zu verstehen, ber Dinge, die zu wunderbar fr mich und unbegreiflich sind. Hr doch, ich will nun reden, ich will dich fragen, du belehre mich! Vom Hrensagen nur hatte ich von dir gehrt, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum widerrufe ich. Ich bereue in Staub und Asche.“ (Hiob 42,1-6) Dieser Hiob spricht von seiner Erkenntnis, ordnet sich selbst ein, lsst Gott Gott sein, aber er unterwirft sich nicht. Dieser Hiob will noch mehr Wissen, mehr Beziehung zu Gott. Und noch schner wird es, wenn ich den letzten Satz „Ich bereue …“, wie von der aktuellen Einheitsbersetzung angeboten, auswechsle durch „Ich bin getrstet.“ Noch bevor die Rahmenerzhlung mit dem materiellen „Gewinn“ des Hiob aufwartet, sehe ich den einen Gewinner und seinen Gewinn: Gott geschaut zu haben und mehr von IHM wissen, noch mehr Beziehung mit IHM haben zu wollen. Und ebenso Gott, der nicht nur um einen frommen und gottesfrchtigen, untadeligen und rechtschaffenen Menschen wei, sondern einen Freund gefunden hat. Zwei Gewinner – und es geht nur, wenn man es sich und einander nicht zu leicht macht. Beziehung lebt vom Verstehen wollen.

 

Ihr

Gerhard Pieper

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Pfarrer Gerhard Pieper