Startseite

Gedankensplitter

Die Extreme miteinander vershnen

„Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wst und wirr und Finsternis lag ber der Urflut und Gottes Geist schwebte ber dem Wasser.“ (Gen 1,1f.) Ich lese die Bibel gerne in verschiedenen bersetzungen, um mich irritieren zu lassen; um daran gehindert zu werden, etwas zu berlesen; um ins Stolpern zu geraten und das zum Anlass zu nehmen, darber nachzudenken, warum es zu diesem Stolpern kommen konnte. So auch dieses Mal. Ich nehme Martin Buber zur Hand: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.

[- Absatz – leere Zeile -]

Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.

Finsternis ber Urwirbels Antlitz.

Braus Gottes schwingend ber dem Antlitz der Wasser.

[- Absatz – leere Zeile -]

Gott sprach: …“

Ich schaue bei Luther nach, auch dort, wie bei der Einheitsbersetzung, Flietext. Warum Bubers „Eigensinn“? Ich denke nach. Beim Flietext folgt ein Satz auf den anderen. Und ganz schnell ist man bei der Erschaffung der Welt. Aber was heit hier Welt? „Erde“ ist nicht gleich „Welt“. Also zurck auf Start: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.“ Beides zusammen ist die Welt. Mehr noch. Konstitutiv, grundlegend, tragend fr diese Welt ist, dass es in ihr nicht nur Gegenstze gibt, sondern dass sie selbst gegenstzlich ist. Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Gut und Bse, Mann und Frau – hier stocke ich und merke, es gibt auch Grautne. Darber muss ich noch nachdenken. Aber ich fhre erst einmal den Gedanken zu Ende –, Gott und Mensch, ohne eines davon wre diese Welt nicht mehr so zu denken, wie wir sie kennen.

Ich springe – zum Anfang der Frohen Botschaft des Johannes, seiner Weihnachtsgeschichte, wenn sie so wollen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1,1-5) Wer den Text schon oft gehrt und gelesen hat, wird vom Rhythmus der Verse mitgerissen und wie selbstverstndlich zum Sympathisanten des Lichtes. Die Finsternis erscheint als lstiges Etwas, das zu berwinden ist. Dieser Dualismus, der auch in der Theologie des Paulus angelegt ist, ist verfhrerisch, weil einfach, aber in falscher Dosierung angewendet gefhrlich. Es gibt nicht nur Schwarz oder Wei; es gibt weit mehr Grau- und Zwischentne als diese Beiden, und dann auch noch die ungezhlten Farben und Nuancen der Palette. Wozu Licht, wenn es keine Finsternis gibt? Sie merken, das ist Schwachsinn, lsst sich jedenfalls nicht denken. Es ist ebenso widersinnig dem Licht nur Gutes, der Finsternis nur Schlechtes zuzusprechen. Beides ist ntig, beides hat seinen Sinn.

„Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis ber Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend ber dem Antlitz der Wasser.“ Die Elemente sind da, aber es lebt nichts. Es lebt nichts, weil alles scharf voneinander getrennt ist: Hier Erde da Finsternis, hier Wasser da Braus Gottes. Aber dann. Buber weiter:

„Gott sprach: Licht werde! Licht ward.

Gott sah das Licht: da es gut ist.

Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.

Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!

Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.“

Gott sprach. Durch das Wort, durch Sein Wort werden Licht und Finsternis aufeinander bezogen, bekommen ihre Aufgaben, Tag und Nacht zu sein. Erst durch die Inbeziehungsetzung beider entsteht die Dynamik der Zeit, erst durch die Zuordnung der Extreme die Dynamik, die berhaupt erst Leben mglich macht. Und wenn es dann bei Johannes heit „Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“, erkenne ich darin nicht den Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, sondern die unbedingte Notwendigkeit, dass Licht Licht bleibt und Finsternis Finsternis. Wie gesagt: Die Auflsung oder das Verschwinden eines der Beiden, ist gar nicht zu denken, allenfalls als zeitlose Ewigkeit.

Warum mir das wichtig ist? Nicht nur, damit Logik Logik bleibt und Verstand Verstand. Wobei das auch schon viel wert wre. Schlielich gibt es in dieser Zeit – nicht erst seit der Corona-Krise – zu viele, die mit „Alternativen Fakten“ aufwarten, Menschen damit verunsichern, aufstacheln und auf wenig subtile Weise Erkenntnisse, Entscheidungen und damit Entwicklung unmglich machen wollen. Das gerade Gegenteil von „Gott sprach – und es ward.“ Wichtig ist es mir vor allem deshalb, weil wir – und ich glaube alle Menschen – ein Bedrfnis haben nach Frieden und Harmonie. Dieses Bedrfnis ist ja gerade in der dunklen Jahreszeit so mchtig, dass es zur Vor- und zur Weihnachtszeit auch auf bisweilen kitschige Weise in Erscheinung tritt. Das Bedrfnis ist da, die Sehnsucht lebendig und womglich gibt die Art, wie wir ganz praktisch damit umgehen, auch einen Hinweis auf einen tiefergehenden Lsungsansatz. Haben sie schon mal eine Advents- oder Weihnachtsbeleuchtung mit Baustrahlern und Flutlichtmasten gesehen? Wrde sie das anziehen? Natrlich nicht. Es braucht die warmen, kleinen Lichter, flackernd vom Wind oder als Lichterketten mit Strom versorgt. Es braucht die Dunkelheit – ja, und auch die Klte und den Schnee, alles das, wovor wir allein fr sich fliehen wrden –, damit das Licht zur Wirkung gelangen kann. Will sagen: Die Extreme wollen nicht nur miteinander in Beziehung gesetzt werden, sondern miteinander vershnt. Es braucht das Verbindende, das Vershnende; es braucht das Wort, das Licht Licht nennt und Finsternis Finsternis; es braucht das Eingestndnis, das nicht alles Licht ist, aber auch nicht alles Finsternis. Es braucht das Wort, das ja sagt zu allem, was und wie ich bin; es braucht die Trstung fr den, der an sich oder anderen leidet; es braucht den Zuspruch von denen, die selbst vielleicht schon einen Schritt weiter sind, mehr Frieden in sich tragen als ehedem.

Die Extreme miteinander vershnen. Das heit auch, es mglich werden zu lassen, dass Grautne und Farben in mein Leben treten. Dann kann dieses „Gott sprach – und es ward.“ beginnen. Schpfung hrt nicht nach sechs Tagen auf, Schpfung ist jetzt, ist immer. Und darum gilt auch: „Gott sah alles, was er gemacht hatte, und da, es war sehr gut.“ (Gen 1,31)

 

Es braucht das Wort – es will gesprochen werden,

es braucht die Lippen, auf denen es sich formen kann,

es braucht den Kehlkopf, der ihm Ausdruck verleiht,

es braucht die Lunge, die es nach Drauen drckt,

es braucht ein Du, das ermutigt

und ein Ich, das sich ermchtigt sieht.

„Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ (Joh 1,12f.) Auch das ist die Geburt des Erlsers: Wenn Menschen zu ihrer eigenen Stimme finden, sie laut und vernehmlich erheben, zu ihren eigenen Worten und Erkenntnissen stehen. Wenn Menschen sich nicht mehr auf Abstammung und Namen verlassen; tief in sich hineinhren und wahrnehmen, was sie antreibt; und keinem anderen mehr hrig sind, nur Gott. In ihnen berhren sich Himmel und Erde, gehen Gott und Mensch einen Bund miteinander ein. In ihnen kommt etwas zum Leben, was gttlich ist.

 

Ihr

Gerhard Pieper

Die Extreme miteinander vershnen.pdf

Weitere Gedankensplitter

Pfarrer Gerhard Pieper