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Gedankensplitter

In Erwartung

Vor meinem inneren Auge habe ich einen Holzschnitt von Walter Habdank aus dem Jahr 1975: „In Erwartung“. „Die Nacht ber der Stadt ist gerade vergangen auf diesem Bild.“ beschreibt der Knstler. „Es ist hell geworden, es ist hell und grell geworden. Die Menschen, die getanzt haben in dieser Nacht in der Stadt, tanzen nicht mehr, die verzweifelt Suchenden haben das Nachtasyl wieder verlassen, die Liebenden haben sich getrennt. Die Menschen, die gestorben sind in ngsten in dieser Nacht, haben ausgelitten; aber die Gefangenen sitzen weiter hinter den Gitterstben; vielleicht haben die Weinenden noch nicht aufgehrt zu weinen, aber die Mden mssen zur Arbeit gehen.“

Dieses Bild steht mir vor Augen, solche Menschen erlebe ich in diesen Tagen, mde und ausgebrannt. Mitunter mgen es die blichen Novembergefhle sein, die sich eingeschlichen haben, doch will mir scheinen, es ist mehr als das. Ende Oktober erklrte die Kanzlerin: „Der Winter wird schwer – vier lange, schwere Monate.“ Nach den Lockerungen, nach der Wrme und Lebensfreude des Sommers sehe ich Menschen, sehe ich eine Gesellschaft, die am Morgen danach verkatert aufgewacht sind und sich nun mhen, mit der grundlegend anderen Situation zurecht zu kommen. Die Zahl der Neuinfektionen steigt immer mehr, die zunehmende Belegung der Intensivbetten in den Kliniken gesellt sich hindurch. Die Meldungen aus unseren Nachbarlndern hre und lese ich selbst zunehmend widerwillig. Das Interesse und die Neugier sind dem Grauen gewichen.

Wen wunderts da, dass der Unmut wchst, dass man nach Schuldigen sucht und gefhlte oder behauptete Unttigkeit whrend des Sommers anklagt. Das in Aussicht Stehende, das Geahnt oder Befrchtete, muss nicht zu Ohnmacht und Apathie veranlassen, aber es fordert heraus. Es kostet Kraft, langen Atem, Geduld, Solidaritt. Ein Spaziergang wird das nicht. Wer das verharmlost, bergeht, leugnet, wer schnelle, unberlegte Antworten prsentiert, fhrt hinters Licht und sucht und schrt das Grauen womglich nur fr seine eigenen zwielichtigen Geschfte.

Die Kanzlerin sagte aber auch: „Aber er [der Winter] wird enden.“ Jede Anstrengung muss sich lohnen, sonst stellt man sich ihr nicht. „Wir schaffen das.“ Ihr Satz, der der Kanzlerin seit 2015 schon oft um die Ohren gehauen wurde, wird nicht dadurch falsch, dass man die daraus folgenden Schlsse ablehnt oder fr falsch hlt, sondern dass man die ntige Anstrengung verweigert, aus dem „Wir“ aussteigt. Das Ziel, die Corona-Krise zu meistern; das Ziel, sie gemeinsam zu meistern; das Ziel, auf dem Weg nicht zu viele zurckzulassen, ob gesundheitlich, wirtschaftlich oder sozial, muss sich lohnen – fr die Gesellschaft, aber auch fr jeden selbst. Was also wre lohnenswert? Wofr wrde ich mich anstrengen wollen? Fr mich – fr meine Lieben – fr Staat und Gesellschaft? Die Antworten, die im gesellschaftlichen Diskurs gegeben werden, sind da sicher nicht falsch, aber – was sind meine eigenen Antworten? Wofr schlgt mein Herz? Was macht aus einem eher passiven Warten ein aktives Erwarten?

Eines gehrt auch gesagt: Es wird nicht, wie es mal war. Es wird nie, wie es mal war, denn das, was wir erleben, macht ja etwas mit uns. Im Jahr 2021 oder 2022 werden wir nicht mehr die sein, die wir Anfang 2020 waren. Wie auch? Spannender und entscheidender indes ist, ob uns das/ ob das mir Verheiung oder Drohung ist.

Dazu ein Blick zurck. Der Vordere Orient war immer schon ein umkmpftes Gebiet. Das Volk Israel sah sich darum seit seinen Anfngen in einer Bedrohungslage. 586 vor Christus wird es ausweglos. Nebukadnezzar erobert Jerusalem, das Reich geht unter, wesentliche Teile der Gesellschaft mssen ins Exil nach Babylon, bald fnfzig Jahre kein Hoffnungsschimmer. In dieser Lage tritt der Prophet Jesaja auf: „Trstet, trstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihr zu, dass sie vollendet hat ihren Frondienst, dass geshnt ist ihre Schuld, dass sie empfangen hat aus der Hand des HERRN Doppeltes fr all ihre Snden!“ (Jes 40,1f.) Trsten ist angezeigt, aber zugleich auch Ermutigen. Nicht abwarten, bis Erlsung naht, sondern selbst in die Hnde spucken, dass jetzt ja nichts mehr schief geht. „Eine Stimme ruft: In der Wste bahnt den Weg des HERRN, ebnet in der Steppe eine Strae fr unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hgel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hglig ist, werde eben.“ (Jes 40,3f.) Was als gewaltiges Bild daherkommt, beschreibt umwlzende Vernderungen. Zu denken ist an soziale und politische Reformen, an zu nderndes Verhalten, Denken und Reden. Die fnfziger, sechziger Jahre waren fr uns so eine Zeit. Das, was vorher war, musste berwunden werden, tiefgrndig, nicht nur oberflchlich. Auch die deutsche Einheit forderte und fordert immer noch heraus. Wie sollen zuknftig Ertrge und Gter verteilt werden, national und auch global? Wieviel ist uns Gesundheitswesen und Bildung wert? Welche Lasten sollen Junge und Alte tragen? Wie sieht es mit Nachhaltigkeit aus? Zu welchen Regeln verstndigen wir uns als Folgerungen aus der Pandemie? Auf einen oder mehrere Impfstoffe zu warten, zu warten, dass sich alles von selbst erledigt, wird nicht reichen, wrde den materiellen und immateriellen Opfern, die zu erbringen waren/ zu erbringen sein werden, nicht im Ansatz gerecht.

Und der Lohn? „Dann offenbart sich die Herrlichkeit des HERRN, alles Fleisch wird sie sehen. Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen. Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, frchte dich nicht! Sag den Stdten in Juda: Siehe, da ist euer Gott. Siehe, GOTT, der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Siehe, sein Lohn ist mit ihm und sein Ertrag geht vor ihm her. Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lmmer, an seiner Brust trgt er sie, die Mutterschafe fhrt er behutsam.“ (Jes 40,5.9-11) Fr den biblischen Propheten ist es die Gottesherrschaft, in skularer Sprache ein gestrkt aus der Krise hervorgehen. Mit den Worten des Knstlers gesprochen: „Der Blick aller, die auf dem Bild dargestellt sind, geht in diese eine Richtung. In der Bewegung dieser Menschen ist eine Haltung der Erwartung zu sehen. … Sie alle blicken hinaus, gemeinsam hinaus.“ Und Habdank fgt hinzu: „Wir selbst sind diese babylonischen Zeitgenossen, wir, du und ich. Natrlich sehen wir hier nicht besonders gut aus, keine sportlichen Erscheinungen sind wir, unvollkommen, brchig, aus dem Lot geraten, gewissermaen ausgesetzt, zusammengezwngt, bedroht von der Unsicherheit und vom Absturz, und befallen von Gedanken an eine dunkle Todesstunde. So stehen wir da, vernderungsbedrftig in einer unbequemen, einer beunruhigenden Lage, in einer unheilvollen Welt. … Hoffende, sich sehnende Menschen, Erwartende, die ihren Zustand begriffen haben.“ Neues Wirgefhl mithin, Solidaritt, Gemeinsinn.

 

Schaue ich auf die letzten Jahre und Jahrzehnte auf zurck, denke ich, dass wir schon lnger – mindestens unterschwellig – in einer gesellschaftlichen Krise gefangen sind. Ein Weiter-so mit Wachstum und Wohlstand ist lngst nicht mehr sichergestellt, oft kologisch auch nicht mehr zu verantworten. Es braucht neue Entwrfe, wie Zufriedenheit und Auskommen, Glck und Sinn zu generieren sind. Die Corona-Krise macht das noch einmal augenfllig. Gleiches gilt fr den Zustand unserer Kirche. Die institutionelle Selbstgewissheit schwindet mehr und mehr und die Ahnung, wie es weitergehen kann, wie Erneuerung aussehen und gelingen knnte, ebenso. Das muss beunruhigen. Dass es aber beunruhigt, ist gut. Es zeigt an, dass da noch Leben ist, dass da noch etwas als wichtig erscheint, dass die Sehnsucht Ausschau hlt. Erwartung – mit dem, was ist, nicht zufrieden sein, mit ihm noch nicht abgeschlossen haben, es zum Anlass nehmen Neues zu suchen. Erwartung – sich selbst aber auch noch etwas zuzutrauen, mit dem ganz anderen zu rechnen, mit IHM zu rechnen.

Mit Versen des Psalms 33 vertrauen ich mich IHM an:

Der Ratschluss des Herrn bleibt ewig bestehen, /

die Plne seines Herzens berdauern die Zeiten.

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, /

der Nation, die er sich zum Erbteil erwhlt hat.

Der Herr blickt herab vom Himmel, /

er sieht auf alle Menschen.

Von seinem Thronsitz schaut er nieder /

auf alle Bewohner der Erde.

Der ihre Herzen gebildet hat, /

er achtet auf all ihre Taten.

Dem Knig hilft nicht sein starkes Heer, /

der Held rettet sich nicht durch groe Strke.

Nichts ntzen die Rosse zum Sieg, /

mit all ihrer Kraft knnen sie niemand retten.

Doch das Auge des Herrn ruht auf allen, die ihn frchten und ehren, /

die nach seiner Gte ausschaun;

denn er will sie dem Tod entreien /

und in der Hungersnot ihr Leben erhalten.

Unsre Seele hofft auf den Herrn; /

er ist fr uns Schild und Hilfe.

Ja, an ihm freut sich unser Herz, /

wir vertrauen auf seinen heiligen Namen.

Lass deine Gte ber uns walten, o Herr, /

denn wir schauen aus nach dir.

(Ps 33,11-22)

 

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

In Erwartung.pdf

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