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Gedankensplitter

Einander Gehr schenken

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Wir kennen die Redensart. Ihr es geht um die Spannung zwischen Gesprchigkeit und Verschwiegenheit. Es gibt Situationen, in denen ich mich um Kopf und Kragen reden kann; ich vielleicht Dinge oder Meinungen sage, die in diesem Moment vllig unplatziert sind; ich gar etwas im berschwang der Gefhle, unberlegt oder aus Verliebtheit am eigenen Reden ausplaudere, was vertraulich ist, anderen Menschen schadet, in jedem Fall dumm von mir ist. Bei Verschwiegenheit hre ich Vertraulichkeit. Da ist mir etwas anvertraut worden, was eines gewissen oder eines besonderen Schutzes bedarf, was man aber bei mir in guten Hnden glaubt. Verschwiegenheit, Schweigen klingt bei mir aber auch nach Untertanengeist, keine eigene Meinung haben, nur Empfnger von Mitteilungen sein. Es gibt auch den oder die Geheimnistrger/in, jemand der/die in Staat und Gesellschaft zu Verschwiegenheit zum Wohl aller verpflichtet ist; den Arzt, der das Vertrauen seiner Patienten sicherstellt; den Beichtvater, der den Vergewisserungsprozess, oft auch Vershnungsweg, zwischen Gott und Mensch ermglichen will; den Rechtsanwalt, der seinem Mandanten nicht schaden will.

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Es geht auch anders herum. Therapeuten, Ehe- und Familienberater/innen brauchen oft eine ganze Wegstrecke, bis sich Patienten, Hilfesuchende ffnen, reden von dem, was sie bewegt, bedrckt, niedermacht. Es gibt das tdliche Schweigen zwischen Ehepartnern, Generationen, Konfliktparteien. Es braucht viel Schweigen auf der einen Seite, damit der oder die andere auf der anderen Seite durch eigenes Reden, Schreien, Klagen oder Weinen wieder in sich selbst hineinzuhren vermag. Reden, das befreiend ist, Schweigen, das Ausweg schafft. Reden kann auch sehr inhaltsleer sein, vielleicht laut und langatmig, aber vllig berflssig und in jeden Fall – einem in den Ohren liegend. Schweigen indes kann drhnen, vernichtender sein als jede Gegenrede. Auch Schweigen will gelernt sein, damit es zur Ermglichung von Kommunikation wird. So einfach ist die Gewichtung wie die von Gold und Silber nicht. Manches Reden ist nicht mal Silber, anderes mehr als Gold wert; Schweigen ebenso.

 

„Darum frchtet euch nicht vor ihnen [den Menschen]! Denn nichts ist verhllt, was nicht enthllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flstert, das verkndet von den Dchern.“ (Mt 10,26f.) Jesus an seine Jnger. Es geht um furchtloses Bekenntnis, um Nachfolge und Entschiedenheit, um Wahrheit und Echtheit. Darum auch: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bsen.“ (Mt 5,37) Das, was die Jnger empfangen, gehrt, verstanden haben, soll kein Exklusivwissen sein, es soll allen dienen. Reden, damit Heil mglich wird.

„Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er mge ihn berhren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berhrte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heit: ffne dich! Sogleich ffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.“ (Mk 7,32-35) Offensichtlich hatte der Taubstumme in der Menge keine Chance vorzukommen. Es braucht die Stille, die Intimitt, das Schweigen. Es geht um mich, um niemanden sonst. Diese Botschaft erreicht – vor den Ohren – das Herz, die Seele. Und das, was in mir ist, meine Worte, Gedanken, Gefhle haben Relevanz, wollen gehrt sein, finden empfngliche Ohren – mehr noch – Herzen. Schweigen, damit Heilung geschieht.

Reden und Schweigen bedingen einander. Ich will etwas mitteilen, was mich betrifft, was mir wichtig ist, von dem ich mchte, dass du es hrst, es aufnimmst, es verstehst. In den Worten bin ich und richte mich an dich, mein Du. Ich sehe dich und hre dich. Es ist mir wichtig, was du mir mitteilen willst, die Sache, die du berichtest, dich, der du dich aussprichst. Darum will ich verstehen, was du mir sagen willst, nehme mich zurck und alles, was es zu schnell in mir an Widerhall erzeugt, frage nach und antworte bedchtig, damit auch das, was ich dir zu sagen habe, bei dir Gehr finden, Dialog beginnen kann.

 

Ich schreibe dies, verstrt, verunsichert, wenn ich ehrlich bin – verrgert ber die Reden, Schlagzeilen und Entwicklungen der letzten Tage und Wochen. Politiker fallen in ihre Monologe zurck, Entwicklungen in Stuttgart oder in Wiedenbrck werden abschlieend bewertet, noch bevor berhaupt belastbare Erkenntnisse vorliegen. In einem Fall sind es mnnliche Jugendliche, die unter Drogeneinfluss Partie machen wollen; im andern Fall gierige Unternehmen, die ihre Mitarbeiter ohnehin ausbeuten. In beiden Fllen soll die starke Hand des Staates dreinschlagen und dem Unmut (der vielen?) Ausdruck verleihen. Mir geht das zu schnell. Und ich mag mich keinem Politiker anvertrauen, der schneller ist mit seinem Mund als mit seinem Verstand. Noch schlimmer: Ich will mich von keinem Politiker regieren lassen, dessen Verstand doch schneller ist als sein Mund, der aber ganz anderes im Schilde fhrt: den eigenen Stellungsvorteil, die Schlagzeile, die Whlergunst. Ich mchte Politiker/innen, die echt sind und die erkennbar werden, fr die gilt – ob religise begrndet oder nicht: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bsen.“ Und ich erwarte von einer Gesellschaft, die sich rechtstaatlich und demokratisch versteht, dass nicht nur vor Gericht gilt: Im Zweifel fr den Angeklagten. Oder noch grundstzlicher, die zu ihren Grundstzen steht: Die Wrde des Menschen ist unantastbar. Ob als Kolumnen, Glossen oder Kommentare in Medien verffentlich, tendenziell in Leitartikeln oder Berichterstattungen Meinung machend oder in Tweets, Blocks oder sonst was gepostet, wir haben allesamt Verantwortung fr unser Reden, Schreiben und Tun. Und wir wren gut beraten, mehr zu hren, hinzuhren, achtsam zu sein.

Ich schreibe dies, weil wir nicht erst jetzt wahrnehmen knnen, wie in anderen Lndern und Regionen, die Wahrheit geleugnet, das Recht gebeugt, die Meinungs- und Pressefreiheit untergraben wird. Wir haben in den zurckliegenden Jahrzehnten viel gelernt. In den Sechzigern und beginnenden Siebzigern, dass die Alten auf die Jungen hren mssen, das Leid und Unrecht der Naziherrschaft ins Wort und aufgearbeitet werden muss. In den Siebziger und Achtzigern, dass sich Mehrheiten gegen Minderheiten schtzen mssen, dass ein wehrhafter Staat dennoch keine demokratischen Freiheitsrechte opfern darf. In den Achtzigern, dass die Umwelt auch eine Stimme hat und die nachwachsenden Generationen noch dazu. In den Neunzigern, dass Einheit nicht ohne Verstehen-wollen gelingt. Und in den letzten beiden Dekaden, dass die Erde rund ist und es uns nicht egal sein kann, was auf anderen Kontinenten geschieht; dass Menschen im Elend leben und andere in Saus und Braus; dass Menschen reden, laut und vernehmlich – und nicht Silber im Munde fhren; dass Menschen auf allen mglichen Kanlen hren und dabei berhren, was die Zeichen der Zeit sagen.

Ich frage mich, wie soll Verstndigung gelingen, wenn Ohren und Kanle, wenn Herzen verstopfen? Und denke mir: Wenn ich und du, an dem Ort, an dem wir gehen und stehen, einfach damit beginnen – zuzuhren, verstehen zu wollen, einander zu ermutigen, uns mitzuteilen, auch nachzufragen, zu erklren, zum Gesprch bereitzustehen. Graswurzelbewegung wird es auch genannt. Menschen leben eine Alternative zum bisherigen und vertrauen darauf, dass aus einzelnen Pflnzchen dichte Grasnarbe wird.

 

Ein Letztes: Lukas berichtet uns von der Speisung der Fnftausend. „Jesus fuhr mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Stdten hrten davon und gingen ihm zu Fu nach. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren. Als es Abend wurde, kamen die Jnger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spt geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Drfer gehen und sich etwas zu essen kaufen knnen. Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fnf Brote und zwei Fische bei uns. Darauf antwortete er: Bringt sie her! Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fnf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jngern; die Jnger aber gaben sie den Leuten, und alle aen und wurden satt. Als die Jnger die brig gebliebenen Brotstcke einsammelten, wurden zwlf Krbe voll. Es waren etwa fnftausend Mnner, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.“ (Mt 14,13-21)

Knnte man nicht auch denken, das Reden und Zuhren war schon Speisung der Fnftausend? Das Reden und Zuhren Jesu, das Reden und Zuhren der Jnger, das Reden und Zuhren der Menschen untereinander? Knnte man nicht denken: Wenn zwei miteinander wirklich reden, dann ich Gott mit im Spiel? Denn war es nicht schon Jesu Entgegnung an den Versucher in der Wste: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“? (Mt 4,4b) Dann wre es doch untere Aufgabe, einander Gehr zu schenken, Gott unseren Mund zu berlassen.

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

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Pfarrer Gerhard Pieper