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Gedankensplitter

Empfnglich sein

„Stille Messe“ war fr mich bisher deutlich negativ besetzt.

Stille Messe – das war fr mich ein Synonym fr eine berwundene – berwunden geglaubte – Kirchengestalt. Der Priester macht sein Ding am Altar, die Glubigen braucht es dazu jedenfalls nicht. Die sitzen in ihren Bnken, beten den Rosenkranz, lassen sich – in der Mhsamkeit des Alltags zur Ruhe kommend – vom Schlaf bermannen (was vielleicht auch schon ein Hinweis darauf ist, wer betet und wer schlft) oder was auch immer.

Stille Messe – das meint fr mich auch: Der Priester „liest“ die Messe; erfllt, der Rubrizistik gehorchend, was ihm aufgetragen ist, erfllt seine Pflicht. Um Feierlichkeit geht es jedenfalls nicht, und um ttige Teilnahme der Glubigen, was dem Konzil so wichtig wurde, auch nicht.

Stille Messe – ist fr mich auch ein geflgeltes Wort, um zu umschreiben, wenn Daheim der Haussegen schief hngt, dicke Luft ist, Menschen sich nichts zu sagen haben, und wenn – nichts Gutes.

 

Wen wunderts, dass die Aussicht auf Gottesdienste ohne Gesang in mir keinerlei Glcksgefhle wachrief. Ohne Gesang – der Not gehorchend und der Einsicht geschuldet: Alles andere wre Wahnsinn, unverantwortlich im Hinblick auf mgliche Trpfcheninfektionen und Aerosolwolken voller tckischer Erreger. Ohne Gesang – das war fr mich die Notwehr einer Organisation, ohne deutlich erkennbares Angebot der Bedeutungslosigkeit zu verfallen, als Kirche ohne Gottesdienste nicht mehr wahrgenommen zu werden. Ohne Gesang – das klang fr mich auch nach trocken Brot. Es nhrt, aber Geschmackserlebnisse hlt es nicht bereit. Ohne Gesang – o Gott, wie lange soll das gut gehen? Fr ein paar Wochen ok, war meine Einschtzung, aber nicht ber Monate hinweg.

 

„Bisher“ – schrieb ich in der ersten Zeile. Bisher, weil es aus meiner Perspektive besser luft als befrchtet; besser, weil ich die Gesichter der Glubigen sehen kann, die ihre Masken beim Gottesdienst weitestgehend abgelegt haben, Kommunikation und Mimik mglich sind; besser, weil ich den Eindruck habe, dass alle Anwesenden ein gemeinsames Ziel verfolgen, nmlich miteinander Gottesdienst zu feiern, einander beizustehen, gestrkt aus dem Gottesdienst hervorzugehen, und darum einander wechselseitig guttun.

Auch tut es mir gut – ich hoffe, nicht nur mir –, Psalmen, Gebete und Liedstrophen miteinander zu sprechen, und dabei auf eine neue Weise innerlich zu werden. Soviel, was frher von Klngen bertnt wurde, tritt jetzt ganz anders ins Bewusstsein. Nicht dass ich dem Gesang damit das Totenlied zu singen suche, denn der ist und wird auch zuknftig unbedingt wichtig sein, aber Gottesdienst jenseits des Gewohnten anders zu leben, neue Eindrcke zu ermglichen und sich vom Anders herausfordern zu lassen, scheint mir ber die Krise hinweg geboten zu sein.

Nicht zuletzt sehe ich mich unseren Organisten/innen zu groem Dank verpflichtet. Sie kaschieren nicht die gesanglosen Lcken, verdrngen nicht die Stille, untermalen, gestalten sie viel eher; geben der Liturgie Glanz und Wrde.

Ich bin auch froh, dem Einsatz von CDs oder anderen Einspielungen bisher erfolgreich widerstanden zu haben, auch dass ich nicht selbst – vorne stehend – (stellvertretend?) gesungen habe, whrend die in den Bnken zu schweigen hatten. Man kann das natrlich und legitimer Weise auch ganz anders sehen, aber mir war und ist es wichtig, in diese Phasen der Entsagung, des Verzichtes, mit allen auf einer Ebene zu sein, keine unntigen, vermeidbaren akustische oder andere Hrden oder Grenzen zu ziehen.

 

Ich bin froh – und dankbar, ohne dem bisherigen gegenber ungerecht oder undankbar werden zu wollen, fr die Stille und das Schweigen, die Raum gewonnen haben. Denn neben Lob und Dank, Freude, Trauer und Klage brauchen Stille und Schweigen mehr Beachtung als bisher, mehr in unseren Liturgien, mehr in gesellschaftlichen Diskursen, mehr im eigenen Leben. Mehr Beachtung, weil – so banal das klingt – die Zeit zwischen zwei Tnen, die Zeit zwischen zwei Worten diese nicht nur formal voneinander abgrenzt, sondern berhaupt erst zwei Tne, zwei Worte erschafft. Mehr noch, die Pausen, die Stille geben Tnen und Worten Gelegenheit, im Hrenden Aufnahme zu finden, in ihm Gehr zu finden.

 

Ich schaue in die Bibel. Von Elija wird uns berichtet, einem mchtigen Propheten, der sich gegen heidnische Kulte am Knigshof wendet, vor der Ttung der Baalspriester nicht zurckschreckt. Sodann seines eigenen Lebens bedroht, flieht er in die Wste, versteckt sich und wei nicht ein noch aus. Er ist des Lebens mde. Selbst Engelszungen brauchen zwei Anlufe, um Gehr zu finden. Vierzig Tage und vierzig Nchte (!) spter, am Gottesberg Horeb, ergeht des nachts das Wort des Herrn an ihn: „Was willst du hier, Elija?

Er sagte: Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich fr den Herrn, den Gott der Heere, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altre zerstrt und deine Propheten mit dem Schwert gettet haben. Ich allein bin brig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.

Der Herr antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm.

Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben.

Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer.

Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Suseln.

Als Elija es hrte, hllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Hhle.“ (1 Kn 19,9b-13)

Erst jetzt ergeht Gottes Wort an ihn; erst jetzt tut sich ein Weg auf.

 

Auch wenn Sturm, Erdbeben und Feuer beeindrucken, erschttern und verngstigen, zu Gehr kommt Gott indes erst in der Stille, im sanften, leisen Suseln.

Will sagen: Gott braucht die Pausen, sich mitzuteilen, die Stille, das Anhalten und zur Ruhe kommen, das Schweigen und Hren. Alles andere wrde ihn nur bertnen. Nicht, dass er sich nicht durchzusetzen wsste, aber dem Spiel, wer am lngsten durchhlt, wessen Karte am Ende sticht, kann er nichts abgewinnen.

Wachstum und Werden geschehen im Stillen, in der Geborgenheit des Mutterleibs, im Schweigen der Erde. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wst und wirr, Finsternis lag ber der Urflut und Gottes Geist schwebte ber dem Wasser. Gott sprach: Es werde … Und es wurde ...“ (Gen 1,1-3)

 

Ein zweites: Der Same braucht das Ei, das Ei den Mutterkuchen, der Mund das Ohr, das Ohr Herz und Verstand. Von Eli, dem Tempelpriester, wird gesagt, seine Augen seien schwach geworden, mithin er sei alt, Visionen seien nicht hufig. Funkstille! Aber immerhin – der Alte hat ein Ohr fr seinen jungen Schler, Samuel. Der hrt, versteht aber nicht. Es dauert, dann horcht Eli auf. Gott spricht, nicht zu ihm, aber immerhin. „Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hrt. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hrt.“ (1 Sam 3,9f.)

Hren, empfnglich sein, empfangen.

Nicht mehr vom Hrensagen zehren, selbst zur „Quelle“ werden.

Das Hren ist die Antwort des Herzens, die Ermglichung von Kommunikation, der Auftakt von Beziehung. Darum auch dem Volk Israel, darum auch uns ins Stammbuch geschrieben: „Hre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ (Dtn 6,4f.)

Hren, empfnglich sein, empfangen – weiterdekliniert:

„Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nchsten lieben wie dich selbst.

Kein anderes Gebot ist grer als diese beiden.“ (Mk, 12,31)

Jesus, selbst Teil der Dreisamkeit, drngt auf mehr, mehr als traute Zweisamkeit.

Hren – den Nchsten – sich selbst.

Hren, nicht endloses Plappern,

hren, zwischen den Zeilen, die Subbotschaft, worum es eigentlich geht.

Den Nchsten verstehen, seine/ihre Seele anrhren,

beleben, Leben ermglichen, Resonanz geben.

Hren, sich selbst,

zu sich selbst kommen, sich verstehen lernen, lieben lernen.

Hren – Befruchtung, Ermchtigung, Befreiung, Belebung.

 

Mir scheint, wir sollten Gott, einander und uns selbst mehr Gelegenheit geben, zu Wort zu kommen. Es tt uns gut.

 

Ein letztes: Es heit, der Schlaf sei der kleine Bruder des Todes.

Mag sein, aber die Mediziner wissen auch, dass des nachts die Seele ganz rege ist, mit sich, mit dem tagsber Erlebten, mit Gott im Austausch ist. Soweit wage ich mich als Theologe.

Dann glte es, alles was war, sich selbst – des abends

vertrauensvoll Gott anzuvertrauen und es gut sein zu lassen.

Sicher wre es hilfreich, des nachts zur Ruhe zu kommen.

„Rede, denn dein Diener hrt.“

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

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Pfarrer Gerhard Pieper