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Gedankensplitter

Das Wesentliche im Leben ist geschenkt

„Es rumort.“ ist auf tageschau.de zu lesen. „Der Widerstand gegen die Corona-Manahmen der Bundesregierung wchst: Auf der Strae, in der Wirtschaft, in den Bundeslndern.“

Es rumort, weil man doch jetzt lange genug ausgehalten hat,

Neuinfektionen weniger werden;

es rumort, weil der Preis zunehmend belastet,

weitere Brden fr Individuum, Wirtschaft und Gesellschaft

unverhltnismig erscheinen.

 

Ich schaue als Theologe drauf.

Das Murren des Volkes ist nichts neues.

Nachdem Moses das Volk Israel aus gypten

und durchs Schilfmeer hindurchgefhrt hatte,

nachdem der Pharao ihnen nachgestellt und mit all einen Streitwagen im Roten Meer umgekommen war,

da war die Erleichterung gro.

Drei Tage weiter in die Wste hinein geht das Wasser aus.

Das Volk murrte gegen Mose.

Wundersames Eingreifen tut not.

Dabei bleibt es nicht.

Wochen spter murrte die ganze Gemeinde nicht nur gegen Mose,

auch gegen Aaron: „Wren wir doch in gypten durch die Hand des Herrn gestorben, als wir an den Fleischtpfen saen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wste gefhrt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.“ (Ex 15,3)

Abermals greift Gott, sich an Mose wendend, ein: „Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen tglichen Bedarf zu sammeln.“

 

Natrlich geht die Botschaft der Bibel ber die historische – oder legendre – Begebenheit hinaus.

Groe Systeme, Gesellschaften lassen sich nicht leicht steuern;

Erkenntnisse mssen dauernd ins kollektive Bewusstsein geholt,

verstndigte bereinknfte erneuert werden.

Machtworte verlieren schnell an Wirkung.

Groe Systeme, Gesellschaften lassen sich nur fr ferne Ziele gewinnen,

wenn die alltglichen Bedrfnisse gestillt sind,

Etappen leistbar, Zwischenstopps erreichbar erscheinen.

 

Und eines gilt dabei fr den Einzelnen wie fr das Kollektiv:

Unter Druck fllt man schnell in die Ursprungssysteme zurck.

Will sagen. Dann bestimmt allzu schnell der Reflex, die Emotion,

das Unterbewusste ber mein Handeln, immer weniger der khle Verstand, die abwgende Vernunft.

„Da gehen einem die Pferde durch“, knnte man auch sagen.

Wer das verhindern will, muss darum wissen,

den Schritt zurck – in die Selbstreflexion – eingebt haben,

die Pferde beruhigen knnen.

Das gilt gerade auch fr Moses. Durchregieren ist nicht die Sache Gottes,

schon seit der Sintflut nicht mehr.

Nicht minder fr das Volk. Vertrauen sollte man nicht zu frh gewhren –

und nicht zu schnell in Frage stellen.

Ich frage mich. Waren die Wanderjahre

Lehrjahre fr das Volk oder fr dessen Fhrer?

Wahrscheinlich fr beide.

 

Als Gesellschaft und als Demokratie sind wir nicht erst durch die Corona-Krise angefragt, wie wir Lasten und Gter verteilen,

Interessen gegeneinander abwgen,

Meinungs- und Entscheidungsprozesse organisieren.

Reflexartiger Rckgriff auf Verhaltensmuster „aus alten Zeiten“ tut uns sicher nicht gut dabei.

 

Es bleibt nicht bei irdischer Soziologie.

Die Worte Gottes an Moses gehen weiter:

„Ich will es (das Volk) prfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht.“

Moses daran anschlieend an das Volk gewandt: „Wenn der Herr euch heute Abend Fleisch zu essen gibt und euch am Morgen mit Brot sttigt, wenn er also euer Murren hrt, mit dem ihr ihn bedrngt, was sind wir dann? Nicht uns galt euer Murren, sondern dem Herrn.“

Womglich klingt bei Moses selbst noch gekrnkte Eitelkeit oder der Vorwurf von Majesttsbeleidigung nach, wenn er so spricht.

Gott geht es um anderes,

um Beziehung.

Und wie in jeder Beziehung, braucht es die stetige Vergewisserung,

das Werben und das Erneuern, das Verzeihen und das Wiedergutmachen.

Beziehung grndet allenfalls im Gestern,

lebt und entfaltet sich aber im Jetzt.

Und dabei ist vielleicht die beschwerlichste „Lehre“,

dass das Wesentliche im Leben geschenkt ist,

nicht erworben, nicht verdient.

 

Zugespitzt finde ich das bei Johannes.

Da ist auch von Murren zu hren, denn Jesus bezeichnet sich als „das Brot des Lebens.“ Und fhrt fort: „Eure Vter haben in der Wste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben.

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch fr das Leben der Welt.“ (Joh 6,48-51)

Wir sind in unserer Gesellschaft, aus guten Grnden, dazu erzogen und ausgebildet worden, uns unser tglich Brot selbst zu verdienen.

Ein Zungenschlag indes macht deutlich, zu welcher Gratwanderung des fhrt, wenn wir beispielsweise sagen „Ich will auf niemanden angewiesen sein.“

Das ist ein Trugschluss.

Wir sind immer aufeinander angewiesen,

jedenfalls wenn es um Wesentliches geht.

Und vielleicht liegt auch darin ein Grund verborgen, dass „es rumort“.

Weil wir wieder ins Leisten kommen wollen;

weil wir den Beweis erbringen wollen,

uns das Leben leisten zu knnen;

weil – wer nichts hat – auch nichts ist.

 

Dem gegenber empfiehlt Paulus der Gemeinden im griechischen Philippi:

„Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

Er war Gott gleich,

hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,

sondern er entuerte sich

und wurde wie ein Sklave

und den Menschen gleich.

Sein Leben war das eines Menschen;

er erniedrigte sich

und war gehorsam bis zum Tod,

bis zum Tod am Kreuz.

 

Darum hat ihn Gott ber alle erhht

und ihm den Namen verliehen,

der grer ist als alle Namen,

damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde

ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu

und jeder Mund bekennt:

Jesus Christus ist der Herr

zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,5-11)

Das ist kein Argument gegen unsere herrschende Wirtschaftsweise,

aber eine Anfrage, was uns antreibt.

Ein immer mehr,

ein immer besser,

ein immer schneller? –

Ich wei nicht, wie lange das noch gut geht?

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

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Pfarrer Gerhard Pieper