Gottesdienste

Teilen, damit andere leben können.

Glaube und Energiekrise fordern uns heraus.

Martin, Elisabeth – Heilige Menschen im November ihrer Zeit. Es geht um Kälte, es geht um Not. Es geht um welche, die haben, und um solche, die darben.

Erzählt wird uns von Menschen im Schatten. Sie fallen in aller Regel nicht groß auf. Ihre Stimmen sind längst heiser geworden – weil ihre Not schon lang, weil ihre Schreie ungehört, überhört. Sie fallen nicht groß auf, weil man aufhorchen müsste und den Blick senken. Erzählt wird von Menschen, die – weil schon längst zum Gegenstand von Tradition und legendärer Ausschmückung geworden – längst wieder im Schatten – diesmal der Vergangenheit – liegen.

Die, die nicht im Schatten bleiben, sind welche, die aufhorchen, runterblicken, sind welche, die die Perspektive wechseln, vom hohen Ross runterkommen, ihr Herz öffnen und es verschenken. Und das schenkt Leben; vertreibt nicht unbedingt Kälte und Not, aber macht sie beherrschbar.

Erzählt wird nicht von „Happy End“, nicht von Verbrüderung. All das ist denkbar, bleibt aber im Nebel. Und mir will scheinen: Das ist keine Nachlässigkeit der Überlieferung, sondern öffnet das, worum es geht, in die Zeit – gerade auch ins Hier und ins Heute. Es geht um Geschwisterlichkeit über biologische oder soziologische Bindungen hinaus. Es geht um Würde, Menschenwürde, die jedem zukommt – ohne Ansehen von Herkunft, Geschlecht, Alter, Rasse (was ist das überhaupt?), Gesinnung oder Bekenntnis.

 

Worum es vordergründig geht: Bei Martin um einen Mantel, den er teilt. Bei Elisabeth um Brot, das nicht nur den Magen füllt, sondern sich zu Rosen wandelt, mithin das Herz erwärmt.

Worum es jetzt bei uns geht, ist das Gas und das Öl, der Strom und die sonstigen Dinge, die eben nicht Luxus oder Konsum, Genussmittel oder Vergnügen sind. Menschen, viele Menschen, junge wie alte, fragen sich in diesen Tagen und Wochen, wie sie durch den Winter kommen werden, nicht wissend, ob die Energieträger reichen, nicht wissend, ob ich sie mir auch werde leisten können.

Teilen ist angezeigt – und verzichten. Teilen das, was mich wärmt, teilen das, was mich nährt. Teilen, damit andere leben können. Oft so oder anders mit Blick auf Menschen in anderen Erdteilen gebraucht als Motto für die großen Hilfsaktionen in Jahresverlauf. Jetzt aber Anfrage an Einzelne, Gruppen und Institutionen, wie sie es damit im eigenen Umfeld halten und darüber hinaus. Für Christen noch dazu der Anruf Jesu: „Ich war hungrig und ihr habt mir…; ich war durstig und ihr habt mir …; ich war fremd und obdachlos …; ich war nackt …; ich war krank …; ich war im Gefängnis …“. Und er bündelt das Erstaunen der einen wie der anderen, in dem er ganz unzweideutig seinen Platz benennt, den Ort, wo er sich selbst sieht: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (vgl. Mt 25,35-46)

 

Darum – weil wir IHN, Jesus, in unseren Nächsten sehen; darum – weil wir allesamt allein aus SEINER Gnade leben, werden wir in diesem Winter unsere Kirchen nahezu nicht heizen. Wir verzichten auf Behaglichkeit, lassen die Kälte allmählich unsere Glieder hochkriechen, damit Wohnungen nicht eisig werden und Menschen davon krank.

Das wird uns etwas zumuten: Selbst Abstriche zu machen – zum Wohle anderer, die ich wahrscheinlich selbst nicht kenne. Zu klären, welchen Stellenwert für mich Gebet, Gesang und Miteinander haben, das Genährt- und Gewärmt-werden durch Gottes Wort und Sakrament. Jede/r Einzelne wird sich dazu verhalten müssen und ich rate uns allen dringend ab, dabei in Bewertungen zu gehen, wenn welche zu anderen Erkenntnissen oder Verhaltensweisen kommen als ich selbst. Das würde der „Temperatur“ unseres Zusammenlebens sicher nicht guttun.

Einladen möchte ich Sie vielmehr, sich warm einzupacken und zu kommen. Warm einzupacken und Wärme zu verbreiten. Das gilt nicht nur für Gottesdienste. Zusammenrücken ist – wie ich finde – ein/das Gebot nicht nur dieser Stunde.

 

Übrigens: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir bei unseren Pfarrheimen zu anderen Erkenntnissen kommen können, als diesen.

 

Es grüßt Sie

Ihr

Pfarrer Gerhard Pieper