Startseite

Gedankensplitter

Tun, was dran ist

„Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach gypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu tten.“ (Mt 2,13) Nun will ich den Teufel nicht an die Wand malen, aber was sagt Ihnen in diesen Tagen, es ist heute, da ich dies schreibe, der 10. Dezember, Ihre innere Stimme? Ist Ihnen wohl mit den aktuellen Meldungen von Infektionsraten und Sterbefllen? Und zu welchem Schluss kommen Sie? „Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach gypten.“ (Mt 2,14) Auf Nummer sicher gehen.

Frisch im Netz der aktuelle PolitBarometer:

„Aktuell geltende Corona-Manahmen …

sind bertrieben – 13 % (-4), sind gerade richtig – 35 % (-15), mssten hrter ausfallen – 49 % (+18).

Bewertung von Manahmen

Verlngerung bis 10. Januar? … richtig 82 %, falsch 17 %

Lockerungen an Weihnachten? … richtig 48 %, falsch 50 %

Lockerungen an Silvester? … richtig 19 %, falsch 79 %

Nchtliche Ausgangssperren? … richtig 74 %, falsch 23 %

Harter Shutdown? … richtig 73 %, falsch 24 %“

Nun gut. Mit meiner Einschtzung scheine ich nicht allein zu sein. Allein, mich irritiert, dass ich so gar nichts merke. Allenthalben Betriebsamkeit – bis auf jene Bereiche, denen man das Treiben schon seit Ende Oktober untersagt hat.

Natrlich kann man als Verschwrungstheoretiker kommen und Fakten, Analysen und Erkenntnisse leugnen. Dann kann man denen, die sich daran orientieren, den Vogel zeigen und seinem Unmut auf der Strae auch Ausdruck verleihen; aber fr die, die es doch schon selbst in der Nase haben, dass es so vielleicht nicht weitergehen kann, kann das doch keine Lsung sein. Natrlich kann man auch alle Hoffnung auf die Impfstoffe setzen, aber werden die rechtzeitig kommen? Kann man bei derzeit 20 Tausend Toten allein in Deutschland berhaupt noch von rechtzeitig sprechen? Oder steckt dahinter mehr die allzu menschliche Hoffnung, dass mich selbst die Impfung noch vor Schaden bewahren wird?

Immerhin wurde Josef die Gnade zuteil, des nachts gttliche Botschaft zu erhalten, so dass er sich mit Mutter und Kind noch rechtzeitig aus dem Staube machen konnte; aber auch wir haben es doch selbst in der Nase und handeln trotzdem nicht. – Sie merken, ich schwimme. – Und komme zu dem Schluss, dass ich selbst nicht auf eine Entscheidung von Oben warten kann, noch darf. So schn das wre, einer oder einige gben die Richtung vor und alle lieen sich darauf ein, ich bin gefragt, das als richtig Erkannte auch zu tun. Wenn ich eines an der doch sehr unbestimmt bleibenden Gestalt des Josef schtze, dann, dass er ein Mann der Tat ist. Er tut, was dran ist. Er fragt nicht, was wohl die anderen meinen, er handelt – und bernimmt damit Verantwortung fr Mutter und Kind. Vielleicht ist das nicht nur Voraussetzung, sondern auch Folge, dass gttliches Leben Gestalt annimmt. Es bleibt nicht im Nebulsen, sondern wird konkret, greifbar, belastbar, lsst sich sogar festnageln.

Ein weiterer Aspekt, der mich beim Bedenken des Matthusevangeliums beschftigt. Josef nimmt zum Wohle der ihm Anvertrauten auch in Kauf, in die Fremde, nach gypten, zu ziehen, Flchtling zu werden und nach damaligem Verstndnis wahrscheinlich ziemlich vogelfrei. Der Einsatz ist hoch, wirtschaftliche Unsicherheit, Verlust sozialer Stellung, fein von Heimat und sozialen Kontakten; das angestrebte Ziel indes wertiger: das Leben von Mutter und Kind. Die Dauer der Einschrnkungen? Ungewiss. Jedenfalls solange wie es unsicher ist. Und selbst als die unmittelbare Gefahr gebannt, Herodes tot ist, bleibt eine mindestens schleichende, nmlich in Gestalt des Thronfolgers Archelaus an Stelle seines Vaters. Drum ziehen sie von gypten kommend weiter bis in den Norden, nach Galila, nach Nazareth; Heimatvertriebene auch weiterhin. An das, was war, ist so nicht mehr anzuschlieen. Tun, was dran ist. Auf Nummer sicher gehen.

Auf Nummer sicher gehen. – Schn und gut. Das klingt aber fast so, als habe es fr Josef eine Alternative gegeben. Mitnichten. Folgt er seiner inneren Stimme nicht, bleiben nur zwei Mglichkeiten: Er hat sich geirrt, seine innere Stimme gefehlt – und alles geht gut, wenn er nicht aufbricht. Oder seine innere Stimme lag richtig – und man mchte es sich nicht ausmalen, was das bedeuten wrde, nicht geflohen zu sein. Gibt da eine Wahl? Eben nicht. Genauso wenig wie fr so viele Flchtlinge, die sich seit 2015 aus fernen Lndern auf den Weg gemacht haben, um Zukunft und Auskommen zu finden. Spitzfindigkeiten des Asylrechts des jeweiligen Aufnahmelandes sind fr den, der sich mit dem Rcken zur Wand erlebt, irrelevant.

Es geht weiter. Das ist die Hoffnung und ist die Erfahrung des Josef. Es geht weiter – im ausgebten Beruf, mit den alltglichen Sorgen und Erfordernissen. Es geht weiter – als junge Familie und mit all den Freuden, die das auch mit sich bringt. Es geht weiter, aber anders. Darin sehe ich eine groe Zusage. Ich hre und lese die Sorgen von Handel, Gewerbe und Gastronomie; mir wird auch bel, wenn ich an die Schulden denke, die Einzelne und Gesellschaft spter werden abtragen mssen; ich wei auch um Einsamkeit in Einrichtungen und daheim; und ja: Weihnachten ist ein hoch emotionales Fest fr Einzelne, Familien, die ganze Gesellschaft. – Aber, es wird weiter gehen. Das mag als billiger Trost daherkommen, kann aber auch genhrt sein von der glubigen berzeugung „Mit uns ist Gott.“

Was mich indes tief traurig stimmt ist, wenn Menschen sagen: Ich wei berhaupt nicht, ob ich meine Kinder, meine Enkel noch einmal wiedersehen werde. Bei meinem Alter, mit meinen Krankheiten kann doch jeder Tag der letzte sein. Ich wei berhaupt nicht, wie ich hier allein zurechtkommen soll. Meine Kinder haben immer fr mich eingekauft, obwohl die soweit weg wohnen. Aber wenn die jetzt hier nirgends unterkommen knnen, an einem Tag hin und zurck? Das geht doch gar nicht. Da beit es sich mit dem: Auf Nummer sicher gehen.

Ich denke. Allein durch das Tun dessen, was dran ist, ffnet sich Zukunft. Der/ die Einzelne kommt schnell in das Dilemma, es so oder so falsch zu machen. Nehme ich dieses Opfer auf mich oder jenes oder auch keines? Entscheiden muss ich in jedem Fall, was dran ist. Entscheidend ist, um welches Zieles willen ein Opfer angemessen ist.

Fr Josef scheint klar: um der Frau und des Kindes willen, um der Treue zur eigenen inneren Stimme willen. In der derzeitigen Lage erscheint mir die Treue zur eigenen inneren Stimme als ein sehr angemessenes Ziel. Ich mchte, dass es dir in meiner Nhe gut geht. Ich mchte dir keinen Schaden zufgen. Fr uns als Gesellschaft mchte ich ein weiteres anbieten: Weil ich wei, weil wir ahnen, dass du in einem Dilemma steckst, dich jetzt aus guten Grnden, die mir/uns so jetzt nicht ersichtlich sind, so nicht an allgemeine Regeln halten kannst, lege ich meinerseits/ legen wir unsererseits noch nach. Dort, wo es mir/uns mglich ist, halte ich mich/ halten wir uns zurck, auch wenn ich drfte/ auch wenn wir drften, damit es im Mittel irgendwie wieder passt und mglichst niemand Schaden nimmt. Geben und Nehmen, damit es allen gut geht. Paul Gerhardt bringt das fr sich in folgende Zeilen:

„Ich steh' an deiner Krippe hier,

o Jesu, du mein Leben;

ich komme, bring' und schenke dir,

was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel‘ und Mut, nimm alles hin

und lass dir's wohl gefallen.“

(GL 256)

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

Tun, was dran ist.pdf

Weitere Gedankensplitter

Pfarrer Gerhard Pieper