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Gedankensplitter

Mit weitem Herzen

Schon lnger stand die Frage nach der Freiheit in meinem Themenspeicher. Ihr nicht auszuweichen, scheint mir wichtig, weil die zurckliegenden Texte dieses sie ergnzenden Aspektes bedrfen. Sich ihr zu stellen, birgt auch das Eingestndnis in sich, ihr oft genug bewusst oder unbewusst aus dem Weg gegangen zu sein. Ja, es ist richtig. Nicht all mein Tun ist freies, bewusstes und selbstbestimmtes Handeln. Es sind so viele Sachzwnge, Rcksichtnahmen, eigene Grenzen, ngste und Unerlstheiten, so viele Wechselwirkungen mit meiner Umwelt, den Mglichkeiten und Gebrochenheiten, auf die ich treffe, so viel Unbewusstes, so viele Prgungen, dass sich Freiheit wahrlich nicht im luftleeren Raum ereignet. Und selbst da, wo ich meine frei zu sein oder frei zu handeln, muss dem lngst nicht so sein. – Drum, was ist eigentlich Freiheit?

Eine erste Annherung. Das befruchtete Ei nistet sich im Mutterkuchen ein, bindet sich. Sonst gbe es keine Versorgung mit Nhrstoffen, keine Entwicklung, kein Wachstum. Bindung mithin als Garant fr Leben. Nach neun Monaten – wenn alles gut geht – Geburt und Abnabelung. Im Scho der Mutter ist kein Platz mehr fr mich, fr meine Entwicklung, mein Wachstum. Und doch wird es noch viele Jahre dauern, bis es auch alleine geht. – Ich stocke. – Ich bin jetzt vierundfnfzig, meine Mutter ist schon dreiunddreiig Jahre tot, mein Vater sechzehn. Aber knnte ich mich jemals von ihnen „abnabeln“? Ich meine das an dieser Stelle nicht einmal im emotionalen Sinn, sondern psychologisch, von Biologie und Genen mal ganz zu schweigen. Viele Bilder und Prgungen, die mich zu dem machen, der ich bin, sind mir vermittelt – von meinen Eltern – und von anderen. Selbst in der Abgrenzung davon bleibt die Bezogenheit.

Bei der einen Abnabelung bleibt es nicht. Und mir will scheinen, schmerzlos geht es auch diesmal nicht ab. Eltern wissen darum, geht es doch bei den Auseinandersetzungen mit deren Heranwachsenden oft nicht geruschlos zu. Und so sehr man es sich wnschte, wre es doch vielleicht kein gutes Zeichen, wre dem so. Vordergrndig geht es nur darum, dass Regeln nicht mehr akzeptiert werden und neue auszuhandeln sind. Doch geht es wesentlicher um Abgrenzung von den immer noch, aber immer weniger dominierenden Eltern, um Ichwerdung, um die Ausbildung von Persnlichkeit, um Autonomie. Den Kindern in dieser Phase mit der eigenen Lebenserfahrung zu kommen, fruchtet nicht, kann es wahrscheinlich auch nicht; ihnen alles nachzusehen, sicher auch nicht. Man knnte es als Flggewerden beschreiben. Die immer noch, aber auch nicht mehr ganz Kinder breiten ihre Flgel aus, pumpen Blut und Kraft in sie hinein und merken, wie sie die Bodenhaftung verlieren, sie abheben, sich die Perspektive verndert. Die Brust schwillt, aber es verunsichert auch, weil so unbekannt und neu. Die, die es kennen und selbst durchgemacht haben, werden denken: Ikarus, fliegt nicht zu hoch. Komm der Sonne nicht zu nah. Du knntest dabei abstrzen.

Erste Annherung: Freiheit oder Freiwerden als Prozess der fortwhrenden Abnabelung. Freiheit als Entgrenzung.

Zweite Annherung. Kulturgeschichtlich steht das Bewusstsein von Freiheit nicht am Anfang der Entwicklung. Der frhe Mensch wird sich wohl eher von der ihn umgebenden Natur und ihren Gewalten bedroht gefhlt haben. Erst mit dem Zuwachs seiner Fhigkeiten erweiterten sich auch seine Mglichkeiten. Aber an Freiheit dachte man noch nicht. Mit der Entstehung von zunehmend arbeitsteiligen Gesellschaften kommt es zu Gliederungen, zu Hierarchien. Einer fhrt, andere folgen. Ich kann dieses, du anderes. Zwei Seiten der einen Medaille, auf der einen Abhngigkeiten, auf der anderen Freirume. Erst bei den alten Griechen erwacht als Ideal, ber sich selbst verfgen zu knnen. In den Perserkriegen geht es um den gemeinsamen Kampf gegen uere Bedrohung. Frei ist in Folge, wer in einer Gemeinschaft, Polis, leben darf, in der Gewalt und Recht zur Harmonie gebracht sind. In der klassischen Tragdie entfaltet sich schlielich die Bewusstwerdung des Einzelnen, der sich einerseits gegen die bermacht des Schicksals und die Undurchschaubarkeit des Lebens auflehnen, sie mit Hingabe besiegen und noch im Untergang seine Wrde bewahren kann. Sokrates, so lese ich nach, bestimmt die Freiheit sodann als Tun des Besten. Im Wissen des Besten, mit Bereitschaft zur sittlichen Luterung und in Ausbung der Selbstbeherrschung die vollendete Unabhngigkeit, Autarkie, erreichen, darum geht es ihm. Platon greift den Gedanken auf: „da allein das Gute um seiner selbst willen ist, kommt Freiheit nur demjenigen zu, dessen Handeln auf das Gute sich richtet; und wie der Mensch seine Autarkie nur erreicht und bewahrt, wenn das Wissen um das Gute die unteren Seelenkrfte regiert, so ist auch die Polis, die Gesellschaft, der Staat, frei in dem Ma, als sie der Herrschaftsbereich des Nous, des Geistes, des Verstandes, der Vernunft ist.“ (NHThG, 376)

Zweite Annherung: Freiheit als Erwachen des Menschen zu einem ethisch handelnden und vernunftgesteuerten Wesen.

Biblische Annherung. „Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hte. Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen: Von allen Bumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Bse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.“ (Gen 2,15-17) Zwischen Mitte des 10. und Mitte des 9. Jahrhunderts vor Christus verschriftlicht, weit vor Sokrates und Platon, wird das Bild einer agrarischen, arbeitsteiligen Gesellschaft gemalt und – man horche auf – eine Freiheit der Entscheidung postuliert: Du darfst essen. Diese wird indes noch begrenzt: Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Bse darfst du nicht essen. Was dann als Fall des Menschen beschrieben wird, entpuppt sich weniger als eine bertretung eines Verbotes, als Sndenfall, sondern als Deutung eines menschlichen Urproblems, nmlich der Freiheit. Es ist mehr als die „Qual der Wahl“, die wir vom Einkaufen kennen, es ist die Erfahrung jenseits des Gartens Edens, jenseits der elterlichen Rundumversorgung und Bevormundung, zu scheitern, Fehler zu machen, unvollkommen zu sein, vor sich selbst und vorm anderen nackt dazustehen, allenfalls mit einem Feigenblatt als Schurz. Der eigentliche Fall, die eigentliche Tragik, verbirgt sich fr mich indes in etwas anderem. Der Mensch steht nicht zu seiner Tat, sucht stattdessen nach einem Schuldigen und verunmglicht damit Wesentliches, Vergebung, Neuanfang.

Dritte Annherung: Freiheit ist nicht ohne Fehlbarkeit und Unvollkommenheit zu haben.

 

Im Lukasevangelium malt Jesus das Bild eines Vaters, der Freiheit ermglicht. Als der jngere seiner Shne sein Erbteil verlangt, teilt er das Vermgen und entlsst seinen Sohn in die Freiheit. Dann in der Fremde – jenseits von Eden, so knnte man denken – fhrt er ein zgelloses Leben, verschleudert sein Vermgen, landet bei den Schweinen. Schlimmer geht immer.

Whrend dessen hlt sich der ltere an die Regeln und Lebensweisen des Vaters. Man kann nicht sagen, er sei im Stadium der Unmndigkeit verblieben, gar unfrei. Augenscheinlich hat er aber Bedrfnisse, die unbefriedigt bleiben, weil er sie nicht geltend macht. „Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot bertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.“ (Lk 15,29)

Leicht ist man geneigt zu fragen, wer denn nun der verlorene Sohn ist. Der jngere, der nach moralischen Mastben versagt, aber immerhin zurckkehrt und Abbitte leistet, oder jener, der sich selbst nichts erlaubt hat. Unter dem Vorzeichen der Freiheit lsst sich das nicht so einfach beantworten. Zu vermuten ist, dass beide Shne in freier Selbstbestimmung und im Rahmen ihrer Mglichkeiten Wegentscheidungen getroffen haben. Anzunehmen ist ferner, dass beide das ihnen selbst Entsprechende gewhlt haben. Dann haben beide legitime Weisen gewhlt, Freiheit zu leben.

Ich gebe allerdings zu, dass mir der Jngere sympathischer ist, sympathischer, weil in ihm Entwicklung zu erkennen ist. Zwar versteht er Freiheit als Prozess der Abnabelung vom Vater, aber er gewahrt, als er in sich hineinhrt, dass da immer noch Bindung ist – zum Vater; dass die Bindung so stark ist, dass er sich selbst nicht verloren gibt, sondern aufbricht, zurckfindet; dass die Bindung wechselseitig ist, der Vater nmlich lngst nach ihm Ausschau gehalten hat; dass solche Bindung nicht gefangen hlt, dass sie tragfhig ist, Brcken baut. Dann auch dieses: Dieser Jngere wchst in der Krise. In ihm erwacht das Gewissen, er stellt sich seinem Versagen, Vergebung und Neuanfang werden mglich.

Je mehr ich darber nachdenke, merke ich, dass mir sowohl die bliche berschrift „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“ wie auch die „… vom barmherzigen Vater“ missfllt. Die eine betont das Versagen, die andere die Gnade. Beides ist nicht falsch, springt mir aber zu kurz. Wie wre es mit „Das Gleichnis von dem, der Freiheit schenkt“?

Freiheit ist ein groes Geschenk, eine Gnade, wenn Sie so wollen. Sie macht uns zum Menschen, macht uns fhig zur Liebe und zum Hass, ermglicht Gewohnheiten gleichermaen wie das Beschreiten neuer Wege, vershnt Enge und Weite, Himmel und Erde, Licht und Dunkel. Alles darf sein.

Ja, Freiheit birgt auch immer die Gefahr, in die Irre zu gehen, Fehler zu machen, schuldig zu werden. Menschsein als solches ist gefahrvoll – von seinem Wesen her. Freiheit verlangt nicht nach bermenschen. Jedem ist sie geschenkt. Drum denke ich mir: Freiheit als Eingestndnis der eigenen Grenzen entgrenzt, so widersprchlich sich das auch anhrt, erffnet Mglichkeiten: ber sich hinauszuwachsen, das Wagnis von Vertrauen, die Ermutigung, sich selbst und einander nicht aufzugeben, Unterschiede zuzulassen, sie zu bejahen, fr gut zu befinden.

 

Welche Freiheit ist es eigentlich, die in unseren Breiten gelebt wird? Um welcher Freiheit sieht man sich derzeit in der Corona-Krise beraubt? Mir will scheinen, die der Entgrenzung, der Rechte, aber auch der Folgenlosigkeit. Ich kann tun, was mir entspricht, mir gefllt, mir jetzt in den Sinn kommt.

Welche Freiheit bruchte es jetzt? Sicher die eines ethisch handelnden und vernunftgesteuerten Menschen. Eine auch, die Brche zulassen kann, die sich zurcknehmen kann, die Bindung eingeht, verbindlich wird. Eine schlielich, die im Wohl und in der Freiheit des anderen selbst Glck und Selbstvergewisserung erfhrt.

Solche Freiheit kostet was, verlangt mir viel ab, ist anstrengend, manchmal auch lstig. Es fllt mir nicht immer leicht, falsches Verhalten auszuhalten, aber um meiner eigenen Freiheit willen, muss ich wohl Ja dazu sagen, dass andere in Freiheit andere Wege gehen als ich, als ich es fr richtig halte.

Wo meine Grenzen unberwindlich sind, wo ich Verschwrungstheoretiker nicht im Ansatz verstehe, wo mich die Missachtung von Hygiene-, Abstands- und sonstigen Regeln sprachlos macht, wo ich politische Spielchen fr verwerflich halte, wo mir auch sonst schnell die Hutschnur hoch geht –

glaube ich einen Vater mit weitem Herzen,

einen, der auch jetzt noch die Freiheit hochhlt.

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

Mit weitem Herzen.pdf

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Pfarrer Gerhard Pieper