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Gedankensplitter

Von Dauer-Wellen und anderen Weckrufen

Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltrztebundes, spricht im Deutschlandfunk von einer Dauer-Welle. Wrde er den Begriff nicht in eine Erklrung einbetten, man dchte an Lockenwickler und Trockenhaube. „Ich mag den Begriff der zweiten Welle eigentlich gar nicht, weil eine zweite Welle ja auch sehr schnell wieder abebben kann.“ leitet er ein. „Ich glaube, wir sind in einer Dauer-Welle. Wir werden uns darauf einrichten mssen, dass wir auf lange Zeit mit diesem Virus leben mssen und dass wir jeden auch nur geringen Anstieg der Infektionszahlen sofort als Alarmsignal benutzen, um dagegen vorzugehen, denn das Problem von Corona sind die langen Inkubationszeiten. Wenn wir heute Anstiege sehen, dann ist das im Grunde genommen das Infektionsgeschehen der letzten zwei Wochen, und wir brauchen dann wieder mehrere Wochen, um dagegen vernnftig agieren zu knnen. Deswegen, wir sind in einer Dauer-Welle, dieses Problem wird uns noch lange begleiten.“

Bilder eines Tsunami entstehen vor meinem inneren Auge, der sich immer mehr aufbaut, fast unmerklich, und der dann gar nicht mehr aufhrt und dabei alles, was ihm in den Weg kommt, mitreit. Weit entfernt von einem ozeanischen Erdbeben angeregt, bertrgt sich die freigesetzte Energie mhelos ber groe Entfernungen hinweg, um dann an der Kste bis tief ins Landesinnere jeglichen Widerstand zu brechen. Wer jetzt an der verkehrten Stelle steht, hat keine Chance sich zu retten; weglaufen – sinnlos, wenn nicht eine bedeutende Anhhe in der Nhe, Ausdauer und Kraft hinreichend. Wer darum wei, ich gut beraten, ein Gespr fr seine Umwelt zu entwickeln (Zurckweichen des Meeres, ungewhnliches Verhalten von Tieren) und – wenn mglich – Vorsorge zu treffen.

Unter dieser Magabe scheint mir die Achtsamkeit von Gesellschaft und Individuen derzeit beunruhigende Ermdungserscheinungen auszubilden. Es drngt uns frmlich wieder „an den Strand“, ins Getmmel, in die Sorglosigkeit.

 

Nicht wenige Naturwissenschaftler nehmen in den letzten Jahren biblische Erzhlungen, antike Berichte wie auch historische Katastrophen zum Anlass, diese eingehend auf Plausibilitt wie auch auf tieferliegende Ursachen hin zu untersuchen. Da gibt es archologische Funde, die Fragen aufwerfen aber auch Einblicke gewhren; da legen Klima- und Wetterphnomene nahe, dass Vulkanausbrche von gigantischen Ausmaen mindestens mitverantwortlich sind. So kommt die Minoische Eruption ins Blickfeld, ein Ausbruch der gischen Vulkaninsel Thera im 17. oder 16. Jahrhundert vor Christus, der der Untergang der Minoer angelastet wird; 1815 der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora, der der Nordhalbkugel im Jahr drauf ein Jahr ohne Sommer mit Hunger und Tod bescherte; 1883 der groe Ausbruch des Krakatau zwischen Sumatra und Java, der Zehntausenden das Leben nahm und weltweit die Atmosphre mit Vulkanasche und Aerosolen erfllte.

In diesem Licht erscheint die biblische Erzhlung der Sintflut aber auch die der zehn Plagen als literarische Verarbeitung jener erstgenannten Naturkatastrophe. Die biblischen Autoren erkennen darin indes das Handeln Gottes. „Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur bse war. Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. Der Herr sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vgel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben.“ (Gen 6,5-7)

Die Sintflut als Strafe Gottes, so die bliche Deutung. Mir gefiele besser, darin Gottes Bemhen zu erkennen, eine Fehlentwicklung beenden, einen „Boxenstopp“ zu erzwingen, einen Neustart zu ermglichen. Aber Achtung: Ich bin nicht bei Ursachenforschung oder Schuldzuweisung, weit eher bei eingngigen Bildern, Hintergrnden und Deutungen, Stichwort „Dauer-Welle“. Interessanter und vor allem relevanter wird es, aus mglichen Deutungen Schlsse zu ziehen.

Zuvor eine weitere mgliche Deutung. Knnte es nicht sein, dass uns Naturkatastrophen – jenseits mglichen gttlichen Handelns – einfach immer wieder an unsere Grenzen erinnern, an die Grenzen unserer krperlichen, mentalen und geistigen Krfte, an die Grenzen des Wachstums (in konomischer wie in kologischer Sicht), an die Grenzen des Machbaren? Dann wren die Corona-Krise und alle sie begleitenden Erscheinungen nicht uns begrenzende Faktoren oder gar Strafen, Strafen Gottes, sondern Weckrufe, Wirklichkeit, uns begrenzende Wirklichkeit, wahr- und ernstzunehmen.

 

Birgit Hoyer fragt in einem Beitrag fr das theologische Feuilleton feinschwarz.net: „Was wre, wenn wir kirchliche Kultur ‚endlich‘ denken? Wie lsst sich Kirche gestalten im ‚Gedenke Mensch, dass du Staub bist!‘. Dabei geht es nicht nur darum, den eigenen Tod vor Augen zu haben, sondern um die Begrenztheit allen Lebens auf der Erde. … Was wre wenn … wir nicht lnger von Bestndigkeit als definierendem Merkmal von Kirche, von Gemeinde ausgehen wrden? Wenn wir stattdessen Unbestndigkeit und Endlichkeit als eine standardmige Eigenschaft von Kirche und Welt betrachten?“ Und fragt fokussierend weiter: „Wie kommen wir als Christ*innen eigentlich zu der berzeugung, dass alles Bestand haben msste – angesichts des Kreuzes, angesichts des Geistes?“

 

Themawechsel? – Absolut nicht.

 

Wir erleben in Kirche doch auch eine Dauer-Welle – und die nicht erst seit dem Frhjahr; dass Gemeinden und Strukturen erodieren, dass kirchliches Leben nicht mehr bindet, dass Liturgie nicht mehr hinreichend viele Geschmcker befriedigt. Wir erleben doch, dass Gebude und Ressourcen mehr belasten als hilfreich sind, dass Festhalten handlungsunfhig macht, dass Stellungskmpfe mehr schaden als nutzen.

Unsere vorherrschenden Antworten darauf? Wir handeln nach der Logik, dass es doch nur eine zweite Welle ist, die man berstehen muss, bei der man die Nase ber der Wasserlinie halten muss; und anschlieend ebbt sie ab und alles geht weiter wie bisher. Eltern sagen sich: „Wenn die Kinder mal selbst Kinder haben werden, werden sie den Kontakt zu Kirche und Gemeinden schon von selbst wieder suchen.“ Kirchenleitungen legen neue Konzepte auf, peppen Werbung und Auen- wie Binnendarstellung auf, bleiben aber der alten Strategie verpflichtet: „Es ist noch immer alles gut gegangen.“ Dem ist aber nicht so. Selbst kirchenrechtliche Strafandrohungen schrecken nicht mehr. Hhere Dmme reichen nicht aus. Der Trend ist eindeutig. Zwar gibt es einzelne Ausschlge, zumeist nach Oben, aber die bisherigen „Siedlungsgebiete an der Kste“ verden. Auch eine Flucht auf einzelne Anhhen kann nicht befriedigen, wre es doch die Entscheidung fr einen „heiligen Rest“.

Es braucht neue, andere Lebensweisen, die nachhaltiger sind, die den eigenen Mglichkeiten und Grenzen gerechter werden. Es braucht das Eingestndnis, dass Leben, Geist und Kirche, dass Vitalitt, Dynamik und Glaube, Hoffnung, Liebe – so wrde ich mal das Wesen von Kirche pointieren – nichts mit Unvernderlichkeit, Erstarrung und Tod gemein haben, viel eher aber mit stndiger Vernderung –vielleicht manchmal oder oft genug – als Krise empfunden, letztlich aber doch nur Antwort des Lebens, Vitalitt.

Das scheint mir Birgit Hoyer zu meinen, wenn sie von der Endlichkeit kirchlicher Struktur spricht. Kirche und Gemeinde nicht schicksalsergeben zu Grabe tragen. Die Welle aber auch nicht zu leugnen, nicht unvernnftig und sinnlos – wie Don Quijote – gegen sie anzukmpfen, sondern den Versuch wagen, ihren Kamm zu erhaschen und auf ihr zu reiten.

 

Birgit Hoyer fragt weiter, legt ihren Fragen aber auch mgliche Antworten bei: „Wie knnte eine Kirche aussehen, die sich in der Vergnglichkeit des Lebens, in Situationen, die flchtig sind, sich stndig vervielfltigen, bewegt, die das Flchtige aufsprt und das Nicht-Machbare, das Unperfekte, Hoffnung, Glaube, Sinn zum Thema macht, die flchtig wirkt, nicht in input-output-Mechanismen denkt, sich ereignet in Begegnung, in Beziehungen? Was wrde es in dieser ephemeren Kirche bedeuten, Eucharistie zu feiern, ‚nicht eine Belohnung fr die Vollkommenen, sondern ein grozgiges Heilmittel und eine Nahrung fr die Schwachen‘ (Papst Franziskus)?“

Ich versuche mich mit Annherungen. Eine solche Kirche verstnde sich nicht als auf ewig in Stein gemeielt. Sie ginge mit Brchen, Krisen und Unfertigkeiten liebevoller um, wre barmherziger zu Wiederverheiratet-Geschiedenen, geschwisterlicher zu Menschen mit anderen Lebensentwrfen und Orientierungen, einladender zu Suchenden ohne „rk“ im Melderegister, neugieriger fr Unbekanntes und vielleicht auch Irritierendes. Eine solche Kirche stellte das Kirchenrecht in den Giftschrank (zurck) und wrde es nun wirklich nur dann wieder herausholen, wenn es nun wirklich nicht mehr anders geht. Ihr wre es wichtiger, dass es Menschen gut geht, als dass sie alles richtig machen.

 

Birgit Hoyer weiter: „Wer sind die Kompliz*innen, die Verbndeten dieser Kirche? Wer ist das Volk Gottes, sind die Menschen, die gemeinsam zur Tat schreiten? Wo sind die Lernwerksttten dieser Kirche? Die Rume des Quer-Fragens und Quer-Antwortens? Die berkonfessionellen Orte der Kontemplation, an denen Spiritualitt und Menschrechte zusammenspielen, Friede, Freiheit und soziale Gerechtigkeit gestrkt werden, sich die Seele ausdehnen kann?“

Auch hierzu meine Annherungen. Kompliz*innen, Verbndete dieser Kirche, sind Jnger*innen Jesu. Will sagen: Sie definieren sich mehr von Ihrer Bindung zu Gott als von ihrer Zugehrigkeit zu einer Sozialform. Sie sind darum gelassener, demtiger, geduldiger – mit sich selbst und mit anderen. Es sind Menschen, die sich mehr auf die Inspirationen des Augenblicks einlassen, das Wirken des Hl. Geistes und weniger auf ihr eigenes Knnen, ihr Besser-sein als andere.

Ihre Lernwerksttten? Orte und Gelegenheiten, an denen/bei denen sind auch andere solche Menschen finden lassen, vielleicht in Kirchen und Einrichtungen – warum nicht – ja sogar hoffentlich – aber sicher nicht nur. Orte und Gelegenheiten, an denen/bei denen ich ber mich und mein alltgliches Leben hinauswachsen kann, ich im Fremden und mir Unbekannten Gottes Atem spre.

 

Mir selbst ist lngst klar: Meine bisherigen Antworten als Christ und als Amtstrger langen nicht, um der Dauer-Welle gerecht zu werden, geschweige denn, um auf ihr zu reiten. Mein Denken ist immer noch viel zu statisch, zu klein und zu ngstlich, um Gott gro genug zu glauben – als Vater; um Gott klein genug zu ahnen – als Bruder und Weggefhrten; um Gott vital und flchtig genug zu denken – als verndernde Kraft, als Geist, als Dauer-Welle.

Oder anders formuliert: Stnd‘ uns als Kirche nicht eine Dauer-Welle gut zu Gesichte? Will sagen: Die Bereitschaft, das Leben anzunehmen, wie es ist und es zu leben, mit all seinen Grenzen und Mglichkeiten? Das Zutrauen, Vernderungen von Gott her zu denken und dabei ein „Wir schaffen das!“ zur Tat werden zu lassen? Die Lebensfreude, im Neuen und Ungewissen nicht zunchst Gefahren zu wittern, sondern ein berma an Freiheit und Zukunft?

 

Besser jedenfalls als eine Dauerwelle mit Lockenwicklern und 3-Wetter-Taft!

Besser als: „The same procedure as every year!“

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

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Pfarrer Gerhard Pieper