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Gedankensplitter

Und er zog voll Freude weiter

Beginnend in den 1940ern entfaltete Karl Rahner den Gedanken des „anonymen Christen“. In einer Zeit, in der es Lehrmeinung war, dass es auerhalb der Kirche – natrlich war damit die katholische gemeint – kein Heil geben knne, fragte sich Rahner, ob nicht doch jeder Mensch mit Gott konfrontiert sei. Wenn Gott das Heil aller Menschen wolle, Gott berall immer schon da/anwesend sei, dann knne es unbewussten, also ‚anonymen‘ Bezug zu Christus geben. „Den gibt es berall dort, wo ein Mensch das Angebot der gttlichen Liebe annimmt. Und wo wird es angenommen? In Taten der Nchstenliebe, der Treue, der Wahrhaftigkeit. berall dort, wo Liebe gelebt wird, knnen wir von einer Annahme des gttlichen Heilsangebots sprechen. Und immer hat diese Liebe einen Bezug zu Christus. Wenn das nicht bewusst ist, dann sprechen wir von ‚anonym‘“ (Rudolf Hubert).

 

Jenseits aller Kritik daran, der sich Rahner erwehren musste,

und aller Begleitthemen, die noch mitbedacht werden knnten/mssten,

frage ich mich: Was macht mich eigentlich zum Christen?

Die formale – und darum auch richtige – Antwort lautet: Ich bin getauft.

Gott hat mir zugesagt, dass er mich mag und dass er zu mir steht, was auch kommen mge.

„Mir zugesagt“ – das verlangt nach Antwort.

Es geht um Beziehung, um Dialog.

Ohne Dialog verkmmert jede Beziehung.

Und Dialog meint sicher nicht den Austausch von Informationen,

sondern von Gefhlen, Befindlichkeiten, Gedanken, Freuden, Sorgen.

Gbe ich IHM keine Antwort, wre ich dann nicht – und zwar ganz im Gegensatz zu dem von Rahner gemeinten – ein „anonymer Christ“?

Einer, der verborgen, unbekannt, irrelevant ist?

 

Christsein, Katholisch, Evangelisch, Orthodox sein verbinden wir zu schnell mit der Zugehrigkeit zu einem sozialen System, zur Kirche, zur Gemeinde, vielleicht auch zu einer bestimmten Nationalitt. Und darum drckt sich eben jenes Christsein vorrangig in systemkonformem Verhalten aus. Kirchensteuer, Kirchgang, Wahlverhalten, frher auch Osterbeichte und und und

Und gleichermaen verlangt oder erwartet das jeweilige System auch gar nicht mehr. Wer bers Soll hinausschiet, gehrt sodann unbewusst oder erklrtermaen zur Elite und hat die Chance, in hhere Kader aufzusteigen.

 

Die Apostelgeschichte berichtet, noch vor der Bekehrung des Saulus, von einer Begebenheit auf der Strae von Jerusalem nach Gaza. Auf seinem Heimweg treffen wir dort den Kmmerer der Kandake, der Knigin der thiopier, an; heute wrden wir sagen, ihren Finanzminister. Der wird uns beschrieben als suchender Mensch. In Jerusalem wollte er Gott anbeten, beschftigt sich nun mit heiligen Schriften, versteht sie aber nicht.

Es ist eine einsame Gegend und wenn man jemandem begegnet, geht man nicht achtlos aneinander vorbei. So geschiehts, dass Philippus des Weges kommend eingeladen wird, einzusteigen und neben dem Kmmerer Platz zu nehmen.

Im Verlauf der Fahrt erzhlt Philippus von Jesus und von seinem Glauben an ihn.

„Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da sagte der Kmmerer: Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg? Er lie den Wagen halten und beide, Philippus und der Kmmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser stiegen, entfhrte der Geist des Herrn den Philippus. Der Kmmerer sah ihn nicht mehr und er zog voll Freude weiter.“ (Apg 8,36-39)

Den vielleicht sonderbaren Schluss deute ich mir so.

Es findet mit der Taufe keine Bindung an der Taufenden oder an eine Sozialform Kirche statt, sehr wohl aber an Christus. Der Sozialform bleibt der Kmmerer anonym, nicht aber fr Gott.

Noch grundstzlicher. War er, der Kmmerer, nicht schon vor seiner Taufe Christ, „anonymer Christ“, suchend, auf Gott bezogen, guten Willens? Und ist die Taufe fr ihn nicht mehr Besttigung, Ermutigung, Zuspruch als Initiation, Begrndung einer Mitgliedschaft?

 

Ich argumentiere damit gar nicht gegen Kirche als Sozialform. Glauben braucht Gemeinschaft. Gemeinschaft kann glauben anbieten, wecken; ihn formen und gestalten helfen; Gemeinschaft kann die Glaubensentscheidung des Einzelnen aber nicht ersetzen. Insofern stt Volkskirche in ihrer bisherigen Ausformung an ihr Ende. Wrde sie sich fortan weiter mit formaler Mitgliedschaft begngen, nhme sie den/die Einzelne/n in seiner/ihrer Wrde nicht ernst, verkme zum volkstmlichen Ritenverein.

Mir ist klar, dass es ungezhlte Formen und Grade von Christsein und von Nachfolge gibt und immer geben wird, bewusste und unbewusste. Es gibt so viele unterschiedlichste Grnde dafr. Jede Biografie ist anders, jede/r hat ihre/seine eigene Geschichte, Prgungen und Erfahrungen, Hoffnungen und Enttuschungen. Ich mchte diese darum in keiner Weise messen und bewerten,

ich glaube aber, die Aufgabe von Kirche, von jedem Christen/ jeder Christin, wre mehr denn je,

Menschen zu befhigen, selbst Antwort zu geben,

sie zu begleiten in ihrem Suchen und Fragen;

selbst Zeugnis zu geben, aber nicht im Rahmen von Lehren und Regeln,

sondern im Anteilgeben an den eigenen Hoffnungen und Freuden, Fragen und Antworten.

 

Ich gehe noch weiter.

Dann wre es unsere Aufgabe,

mndig zu machen, stark zu machen,

zu ermutigen, den eigenen Weg zu finden,

Bindungen im Leben und im Glauben einzugehen,

auch Bindungen, die ich selbst nicht eingegangen bin,

eingeschlossen auch den Bruch mit Bisherigem.

Menschen, den Rcken zu strken.

 

So betrachtet wre Erstkommunion und jede weitere Kommunionspendung

Versorgung mit Proviant auf dem Weg mit und zu Gott

und nicht mehr zuerst und vor allem Fest –

in und fr Kirche, Familie und Gemeinde.

Das glte fr jede weitere Form kirchlichen Handeln, ob liturgisch oder nicht.

„…und er zog voll Freude weiter.“

 

 

Ihr

Gerhard Pieper

Und er zog voll Freude weiter.pdf

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Pfarrer Gerhard Pieper